Rückblick der Audienzen 2017

Generalaudienz vom 15.02.2017

 

Liebe Brüder und Schwestern, im Römerbrief spricht der Apostel Paulus davon, stolz zu sein: Wir »rühmen uns unserer Hoffnung auf die Herrlichkeit Gottes. Mehr noch, wir rühmen uns ebenso unserer Bedrängnis« (5,2b-3a). Es geht hier aber nicht um Selbstlob, sondern darum, im Licht des Heiligen Geistes zu erkennen, dass alles Gnade ist. Es ist Gott, der handelt und der Herr der Geschichte ist. Er schafft alles als ein Geschenk seiner Liebe, er führt seinen Heilsplan aus und vollendet ihn in seinem Sohn Jesus Christus. Dies sollen wir anerkennen, dankbar annehmen und zum Grund unseres Lobpreises und unserer Freude werden lassen. Dann haben wir Frieden mit Gott und erfahren wir echte Freiheit. Dieser Frieden erstreckt sich auf alle unsere Lebensbereiche und zwischenmenschlichen Beziehungen. Voraussetzung dieses Friedens bildet die Fähigkeit, sich auch der Bedrängnis zu rühmen. Der Frieden, den Gott uns anbietet und gewährt, ist nämlich nicht als Freisein von Sorgen, Enttäuschungen, Leid zu verstehen. Das Geschenk des Friedens, der aus dem Glauben kommt, besteht in der Gnade, die Erfahrung zu machen, dass Gott uns liebt und immer an unserer Seite ist. Dies bewirkt Geduld und Hoffnung, die nicht zugrunde gehen lässt (vgl. V. 5). Ihr Grund ist die Liebe Gottes zu einem jeden von uns und der Heilige Geist, der in uns den Glauben nährt und die Hoffnung lebendig erhält.

 

 

Generalaudienz vom 08.02.2017


Liebe Brüder und Schwestern, im ersten Brief an die Thessalonicher weist der Apostel Paulus darauf hin, dass die christliche Hoffnung nicht nur eine Sache des Einzelnen ist, sondern einen gemeinschaftlichen und kirchlichen Zug hat. Die Kirche bringt ihre Hoffnung unter anderem darin zum Ausdruck, dass alle ihre Mitglieder füreinander wie für die verschiedenen Gruppen beten. In diesem Sinne richtet Paulus seinen Blick auf alle Bereiche, aus denen sich die christliche Gemeinde zusammensetzt. Zunächst sind es die mit der seelsorglichen Leitung Beauftragten, die der Stützung durch die Gläubigen bedürfen; ist ihnen doch ein göttliches Amt anvertraut worden, das ihre rein menschlichen Kräfte übersteigt. Die Aufmerksamkeit richtet sich weiter auf Geschwister, die Gefahr laufen, ihre Hoffnung zu verlieren. Wer entmutigt und schwach ist, braucht die wärmende Nähe, das Mitgefühl und den Trost der Kirche. Es ist ganz wichtig, dass sich die christliche Hoffnung in der konkreten Nächstenliebe äußert. Damit die Hoffnung immer wieder genährt wird, ist ein „Körper“ nötig, dessen Glieder füreinander einstehen und einander stärken. Und gerade die Kleinen, die Menschen, die jeden Tag Prüfungen erdulden müssen, geben uns mit ihrer Hoffnung ein Zeugnis davon, dass Gott das letzte Wort behält, das Wort der Barmherzigkeit, des Lebens und des Friedens.

 

 

Generalaudienz vom 01.02.2017

 

Liebe Brüder und Schwestern, die Worte der Lesung, die wir eben gehört haben, sprechen von der Begeisterung und Freude, mit der die noch junge Gemeinde von Thessalonich die Auferstehung Christi feiert. Paulus zeigt zugleich, dass das Ostergeheimnis eine konkrete Wirkung für uns alle hat und versichert die Thessalonicher der Wahrheit über die Auferstehung der Toten: „Ihr alle seid Söhne des Lichts und Söhne des Tages“ (5,5). Er ermahnt uns, an dieser trostreichen Verheißung entschieden mit „der Hoffnung auf das Heil“ (5,8) festzuhalten. Die christliche Hoffnung ist nicht leer oder unsicher. Ihr Inhalt ist nicht etwas, das eintreten kann oder auch nicht. Sie ist die Erwartung dessen, was sich in uns bereits erfüllt hat. Kraft des Geheimnisses der Auferstehung Christi und unserer Gotteskindschaft dürfen auch wir die Auferstehung von den Toten als eine sichere Wirklichkeit erwarten: „Er ist für uns gestorben, damit wir vereint mit ihm leben, ob wir nun wachen oder schlafen“ (5,10). Im Leben und im Sterben wissen wir, dass Christus unser Leben ist.

 

 

Generalaudienz vom 25.01.2017

 

Liebe Brüder und Schwestern, zu den großen Gestalten der Hoffnung im Alten Testament zählt Judit. In der Stadt Betulia war angesichts der Belagerung durch den assyrischen Feldherrn Holofernes jegliche Hoffnung auf Gottes rettendes Eingreifen geschwunden. Als keiner mehr zu hoffen vermag, tritt Judit, eine Witwe, mit der Kraft und dem Blick eines Propheten auf. Mit der Sprache des Glaubens führt sie ihre Landsleute zu neuer Hoffnung. Der Herr ist ein Gott des Heils; er befreit und bringt Leben, aber in Gottes unergründlichem Plan kann Heil auch in Opfer und Leid geschehen. Wir dürfen Gott keine Bedingungen stellen. Denn ihm zu vertrauen heißt, seinem Plan zu folgen und dabei nichts zu verlangen, sondern anzunehmen, dass seine Hilfe und sein Heil durchaus anders sein können, als wir es uns vorstellen. Es liegt nicht an uns, dem Herrn vorzuschreiben, was wir brauchen, er weiß es besser als wir selbst. Judit zeigt uns den Weg des Vertrauens, des Wartens, des Gebets und des Gehorsams: nicht einfach aufgeben und alles tun, was uns möglich ist, doch stets in Treue zum Willen des Herrn und in der Haltung des Glaubens, alles aus Gottes Hand anzunehmen, dessen Güte wir sicher sein dürfen.

 

 

Generalaudienz vom 18.01.2017

 

 

Liebe Brüder und Schwestern,
guten Tag!

In der Heiligen Schrift hebt sich unter den Propheten Israels eine etwas ungewöhnliche Gestalt ab: ein Prophet, der versucht, sich dem Ruf des Herrn zu entziehen, indem er sich weigert, sich in den Dienst des göttlichen Heilsplans zu stellen. Es handelt sich um den Propheten Jona, dessen Geschichte in einem kleinen Buch mit nur vier Kapiteln erzählt wird: eine Art Gleichnis, das eine große Lehre enthält, die Lehre der Barmherzigkeit Gottes, der vergibt.

Jona ist ein Prophet »im Aufbruch« und auch ein Prophet auf der Flucht! Er ist ein Prophet im Aufbruch, den Gott in ein »Randgebiet« sendet, nach Ninive, um die Bewohner jener großen Stadt zu bekehren. Ninive war jedoch für einen Israeliten wie Jona eine bedrohliche Realität: der Feind, der Jerusalem selbst in Gefahr brachte und daher zerstört und gewiss nicht gerettet werden sollte. Als Gott ihn also zum Predigen in jene Stadt sendet, versucht der Prophet, der die Güte des Herrn und seinen Wunsch nach Vergebung kennt, sich der Aufgabe zu entziehen, und flieht.

Auf seiner Flucht kommt der Prophet in Kontakt mit einigen Heiden, den Seeleuten des Schiffes, auf dem er sich eingeschifft hatte, um sich von Gott und von seiner Sendung zu entfernen. Er flieht weit weg, denn Ninive lag im Gebiet des Irak, und er flieht nach Spanien, er flieht ernsthaft. Und gerade das Verhalten dieser heidnischen Männer, ebenso wie später das der Bewohner von Ninive, gestattet uns heute, etwas über die Hoffnung nachzudenken, die angesichts der Todesgefahr im Gebet zum Ausdruck kommt. Denn auf der Überfahrt über das Meer bricht ein gewaltiger Sturm los, und Jona steigt in den Laderaum des Schiffes hinab und legt sich schlafen. Die Seeleute dagegen sehen sich verloren, und »jeder schrie zu seinem Gott um Hilfe«: Sie waren Heiden (Jona 1,5). Der Kapitän des Schiffes weckt Jona und sagt zu ihm: »Wie kannst du schlafen? Steh auf, ruf deinen Gott an; vielleicht denkt dieser Gott an uns, so dass wir nicht untergehen « (Jona 1,6). Die Reaktion dieser »Heiden« ist die richtige Reaktion angesichts des Todes, angesichts der Gefahr: denn dann erfährt der Mensch in ganzer Fülle seine eigene Schwäche und seine Heilsbedürftigkeit. Der instinktive Schauder vor dem Tod offenbart die Notwendigkeit, auf den Gott des Lebens zu hoffen. »Vielleicht denkt dieser Gott an uns, so dass wir nicht untergehen«: Es sind Worte der Hoffnung, die zum Gebet wird, zu jenem ängstlichen Flehen, das dem Menschen angesichts einer unmittelbaren Todesgefahr über die Lippen kommt. Zu leicht verschmähen wir die Anrufung Gottes in der Not, so als sei es nur ein eigennütziges und daher unvollkommenes Gebet. Aber Gott kennt unsere Schwäche, er weiß, dass wir uns an ihn erinnern, um Hilfe zu erbitten, und mit dem milden Lächeln eines Vaters gibt Gott eine gütige Antwort.

Als Jona die eigene Verantwortung erkennt und sich ins Meer werfen lässt, um seine Reisegefährten zu retten, legt sich der Sturm. Der bevorstehende Tod hat jene heidnischen Männer zum Gebet gebracht, er hat dafür gesorgt, dass der Prophet trotz allem seine Berufung im Dienst der anderen lebt und bereit ist, sich für sie zu opfern. Jetzt führt er die Überlebenden zur Erkenntnis des wahren Herrn und zum Lobpreis. Die Seeleute, die von Angst ergriffen gebetet und sich an ihre Götter gewandt hatten, erkennen jetzt mit aufrichtiger Gottesfurcht den wahren Gott, bringen Opfer dar und machen ihm Gelübde. Die Hoffnung, die sie dazu gebracht hatte zu beten, um nicht zu sterben, erweist sich als noch mächtiger und bringt eine Wirklichkeit hervor, die über das, was sie gehofft hatten, sogar hinausgeht: Sie kommen nicht nur nicht im Sturm um, sondern öffnen sich für die Erkenntnis des wahren und einzigen Herrn des Himmels und der Erde.

Später werden auch die Bewohner von Ninive angesichts der Gefahr, vernichtet zu werden, beten, getrieben von der Hoffnung auf die Vergebung Gottes. Sie werden Buße tun, werden den Herrn anrufen und sich zu ihm bekehren, begonnen beim König, der – wie der Kapitän des Schiffes – der Hoffnung die Stimme verleiht, indem er sagt: »Wer weiß, vielleicht reut es Gott wieder […] so dass wir nicht zugrunde gehen« (Jona 3,9). Auch Sie, ebenso wie die Schiffsbesatzung im Sturm, hat die Tatsache, dass sie sich dem Tod gestellt haben und heil herausgekommen sind, zur Wahrheit geführt. So kann in der göttlichen Barmherzigkeit und noch mehr im Licht des Ostergeheimnisses der Tod zu »unserem Bruder Tod« werden, wie für den heiligen Franz von Assisi, und für alle Menschen und einen jeden von uns die überraschende Gelegenheit darstellen, die Hoffnung kennenzulernen und dem Herrn zu begegnen. Möge der Herr uns diese Verbindung zwischen Gebet und Hoffnung verstehen lassen. Das Gebet bringt dich voran in der Hoffnung, und wenn die Dinge dunkel werden, braucht man mehr Gebet! Und es wird mehr Hoffnung da sein. Danke.

 

 

Generalaudienz vom 11.01.2017

 

 

Liebe Brüder und Schwestern,
guten Tag!

In der Heiligen Schrift hebt sich unter den Propheten Israels eine etwas ungewöhnliche Gestalt ab: ein Prophet, der versucht, sich dem Ruf des Herrn zu entziehen, indem er sich weigert, sich in den Dienst des göttlichen Heilsplans zu stellen. Es handelt sich um den Propheten Jona, dessen Geschichte in einem kleinen Buch mit nur vier Kapiteln erzählt wird: eine Art Gleichnis, das eine große Lehre enthält, die Lehre der Barmherzigkeit Gottes, der vergibt.

Jona ist ein Prophet »im Aufbruch« und auch ein Prophet auf der Flucht! Er ist ein Prophet im Aufbruch, den Gott in ein »Randgebiet« sendet, nach Ninive, um die Bewohner jener großen Stadt zu bekehren. Ninive war jedoch für einen Israeliten wie Jona eine bedrohliche Realität: der Feind, der Jerusalem selbst in Gefahr brachte und daher zerstört und gewiss nicht gerettet werden sollte. Als Gott ihn also zum Predigen in jene Stadt sendet, versucht der Prophet, der die Güte des Herrn und seinen Wunsch nach Vergebung kennt, sich der Aufgabe zu entziehen, und flieht.

Auf seiner Flucht kommt der Prophet in Kontakt mit einigen Heiden, den Seeleuten des Schiffes, auf dem er sich eingeschifft hatte, um sich von Gott und von seiner Sendung zu entfernen. Er flieht weit weg, denn Ninive lag im Gebiet des Irak, und er flieht nach Spanien, er flieht ernsthaft. Und gerade das Verhalten dieser heidnischen Männer, ebenso wie später das der Bewohner von Ninive, gestattet uns heute, etwas über die Hoffnung nachzudenken, die angesichts der Todesgefahr im Gebet zum Ausdruck kommt. Denn auf der Überfahrt über das Meer bricht ein gewaltiger Sturm los, und Jona steigt in den Laderaum des Schiffes hinab und legt sich schlafen. Die Seeleute dagegen sehen sich verloren, und »jeder schrie zu seinem Gott um Hilfe«: Sie waren Heiden (Jona 1,5). Der Kapitän des Schiffes weckt Jona und sagt zu ihm: »Wie kannst du schlafen? Steh auf, ruf deinen Gott an; vielleicht denkt dieser Gott an uns, so dass wir nicht untergehen « (Jona 1,6). Die Reaktion dieser »Heiden« ist die richtige Reaktion angesichts des Todes, angesichts der Gefahr: denn dann erfährt der Mensch in ganzer Fülle seine eigene Schwäche und seine Heilsbedürftigkeit. Der instinktive Schauder vor dem Tod offenbart die Notwendigkeit, auf den Gott des Lebens zu hoffen. »Vielleicht denkt dieser Gott an uns, so dass wir nicht untergehen«: Es sind Worte der Hoffnung, die zum Gebet wird, zu jenem ängstlichen Flehen, das dem Menschen angesichts einer unmittelbaren Todesgefahr über die Lippen kommt. Zu leicht verschmähen wir die Anrufung Gottes in der Not, so als sei es nur ein eigennütziges und daher unvollkommenes Gebet. Aber Gott kennt unsere Schwäche, er weiß, dass wir uns an ihn erinnern, um Hilfe zu erbitten, und mit dem milden Lächeln eines Vaters gibt Gott eine gütige Antwort.

Als Jona die eigene Verantwortung erkennt und sich ins Meer werfen lässt, um seine Reisegefährten zu retten, legt sich der Sturm. Der bevorstehende Tod hat jene heidnischen Männer zum Gebet gebracht, er hat dafür gesorgt, dass der Prophet trotz allem seine Berufung im Dienst der anderen lebt und bereit ist, sich für sie zu opfern. Jetzt führt er die Überlebenden zur Erkenntnis des wahren Herrn und zum Lobpreis. Die Seeleute, die von Angst ergriffen gebetet und sich an ihre Götter gewandt hatten, erkennen jetzt mit aufrichtiger Gottesfurcht den wahren Gott, bringen Opfer dar und machen ihm Gelübde. Die Hoffnung, die sie dazu gebracht hatte zu beten, um nicht zu sterben, erweist sich als noch mächtiger und bringt eine Wirklichkeit hervor, die über das, was sie gehofft hatten, sogar hinausgeht: Sie kommen nicht nur nicht im Sturm um, sondern öffnen sich für die Erkenntnis des wahren und einzigen Herrn des Himmels und der Erde.

Später werden auch die Bewohner von Ninive angesichts der Gefahr, vernichtet zu werden, beten, getrieben von der Hoffnung auf die Vergebung Gottes. Sie werden Buße tun, werden den Herrn anrufen und sich zu ihm bekehren, begonnen beim König, der – wie der Kapitän des Schiffes – der Hoffnung die Stimme verleiht, indem er sagt: »Wer weiß, vielleicht reut es Gott wieder […] so dass wir nicht zugrunde gehen« (Jona 3,9). Auch Sie, ebenso wie die Schiffsbesatzung im Sturm, hat die Tatsache, dass sie sich dem Tod gestellt haben und heil herausgekommen sind, zur Wahrheit geführt. So kann in der göttlichen Barmherzigkeit und noch mehr im Licht des Ostergeheimnisses der Tod zu »unserem Bruder Tod« werden, wie für den heiligen Franz von Assisi, und für alle Menschen und einen jeden von uns die überraschende Gelegenheit darstellen, die Hoffnung kennenzulernen und dem Herrn zu begegnen. Möge der Herr uns diese Verbindung zwischen Gebet und Hoffnung verstehen lassen. Das Gebet bringt dich voran in der Hoffnung, und wenn die Dinge dunkel werden, braucht man mehr Gebet! Und es wird mehr Hoffnung da sein. Danke.

 

 

Generalaudienz vom 04.01.2017

 

 

Liebe Brüder und Schwestern,
guten Tag!

In der heutigen Katechese möchte ich mit euch die Gestalt einer Frau betrachten, die von der in Zeiten der Tränen gelebten Hoffnung zu uns spricht. Die unter Tränen gelebte Hoffnung. Es handelt sich um Rahel, die Ehefrau des Jakob und Mutter von Josef und Benjamin. Wie das Buch Genesis uns berichtet stirbt sie bei der Geburt ihres Zweitgeborenen, also Benjamins.

Der Prophet Jeremia nimmt Bezug auf Rahel, als er sich an die in der Verbannung lebenden Israeliten wendet, um sie zu trösten, mit gefühlvollen und poetischen Worten. Er greift also Rahels Tränen auf, schenkt jedoch Hoffnung.

So spricht der Herr: »Ein Geschrei ist in Rama zu hören,
bitteres Klagen und Weinen.
Rahel weint um ihre Kinder und will sich nicht trösten lassen,
um ihre Kinder,
denn sie sind dahin« (Jer 31,15).

In den Versen präsentiert Jeremia diese Frau aus seinem Volk, die große Erzmutter seines Stammes, in einer Wirklichkeit des Schmerzes und der Tränen, aber gleichzeitig in einer unerwarteten Perspektive des Lebens. Nach dem Bericht der Genesis war Rahel bei der Geburt gestorben und hatte jenen Tod angenommen, damit ihr Sohn leben konnte. Jetzt dagegen wird sie vom Propheten in Rama, wo die Vertriebenen sich versammelt haben, als lebendig dargestellt: Sie weint um die Kinder, die in gewissem Sinne gestorben sind, als sie in die Verbannung gegangen sind. Diese Kinder, wie sie selbst sagt, »sind dahin«, sind für immer verschwunden. Und darum will Rahel nicht getröstet werden. Diese Weigerung bringt die Tiefe ihres Schmerzes und die Bitterkeit ihrer Tränen zum Ausdruck.

Angesichts der Tragödie des Verlustes der Kinder kann eine Mutter Worte oder Gesten des Trostes nicht annehmen: Sie sind immer unzulänglich und nie in der Lage, den Schmerz einer Wunde zu lindern, die nicht geheilt werden kann und werden will: ein Schmerz, der proportional zur Liebe ist. Jede Mutter weiß das alles; und auch heute gibt es viele Mütter, die weinen, die sich mit dem Verlust eines Kindes nicht abfinden, die untröstlich sind angesichts eines Todes, den man unmöglich annehmen kann. Rahel schließt den Schmerz aller Mütter der Welt, aller Zeiten ein sowie die Tränen eines jedes Menschen, der um unwiederbringliche Verluste weint.

Diese Weigerung Rahels, die nicht getröstet werden will, lehrt uns auch, wie viel Einfühlsamkeit von uns verlangt wird angesichts des Schmerzes anderer Menschen. Um zum Verzweifelten von Hoffnung zu sprechen, muss man seine Verzweiflung teilen; um eine Träne auf dem Gesicht des Leidenden zu trocknen, müssen wir uns im Weinen mit ihm vereinen. Nur so können unsere Worte wirklich in der Lage sein, etwas Hoffnung zu schenken. Und wenn ich die Worte nicht so sagen kann, mit Tränen, mit Schmerz, dann ist es besser zu schweigen: eine Liebkosung, eine Geste und keine Worte.

Und Gott mit seiner Zärtlichkeit und seiner Liebe antwortet auf Rahels Weinen mit wahren, nicht mit falschen Worten. Denn der Text des Jeremia geht so weiter:

So spricht der Herr – er antwortet auf dieses Weinen:
»Verwehre deiner Stimme die Klage
und deinen Augen die Tränen!
Denn es gibt einen Lohn für deine Mühe –
Spruch des Herrn:
Sie werden zurückkehren
aus dem Feindesland.
Es gibt eine Hoffnung für deine
Nachkommen – Spruch des Herrn:
Die Söhne werden zurückkehren
in ihre Heimat« (Jer 31,16-17).

Gerade wegen des Weinens der Mutter gibt es noch Hoffnung für die Kinder, die wieder ins Leben zurückkehren werden. Diese Frau, die akzeptiert hatte, im Augenblick der Geburt zu sterben, damit der Sohn leben kann, ist mit ihrem Weinen jetzt der Beginn neuen Lebens für die verbannten, gefangenen Kinder, die fern der Heimat sind. Auf Rahels Schmerz und ihr bitteres Weinen antwortet der Herr mit einer Verheißung, die jetzt für sie Grund wahren Trostes sein kann: Das Volk kann aus der Verbannung zurückkehren und im Glauben, frei, seine Beziehung zu Gott leben. Die Tränen haben Hoffnung hervorgebracht.

Und das ist nicht leicht zu verstehen, aber es ist wahr. Oft säen in unserem Leben die Tränen Hoffnung, sind sie Samen der Hoffnung. Bekanntlich wurde dieser Text des Jeremia später vom Evangelisten "Matthäus aufgegriffen und auf den Kindermord von Betlehem übertragen (vgl. 2,16-18): ein Text, der uns mit der Tragödie der Ermordung wehrloser Menschen konfrontiert, mit den Schrecken der Macht, die das Leben verachtet und auslöscht. Die Kinder von Betlehem sind wegen Jesus gestorben. Und er, das unschuldige Lamm, sollte später seinerseits für uns alle sterben. Der Sohn Gottes ist in den Schmerz der Menschen eingetreten. Das darf man nicht vergessen. Wenn jemand sich an mich wendet und mir schwierige Fragen stellt, zum Beispiel: »Sagen Sie mir, Vater: Warum leiden die Kinder?«, dann weiß ich wirklich nicht, was ich antworten soll. Ich sage nur: »Betrachte den Gekreuzigten:  Gott hat uns seinen Sohn geschenkt, er hat gelitten, und vielleicht findest du dort eine Antwort.« Aber Antworten von hier [er zeigt auf seinen Kopf] gibt es nicht. Nur die Betrachtung der Liebe Gottes, der seinen Sohn hingibt, der sein Leben für uns hinschenkt, kann einen Weg des Trostes aufzeigen. Und daher sagen wir, dass der Sohn Gottes in den Schmerz der Menschen eingetreten ist; er hat den Tod geteilt und angenommen; sein Wort ist endgültig ein Wort des Trostes, weil es aus dem Weinen hervorgeht.

Und am Kreuz schenkt er, der sterbende Sohn, seiner Mutter neue Fruchtbarkeit, indem er ihr den Jünger Johannes anvertraut und sie zur Mutter des Volkes der Gläubigen macht. Der Tod ist besiegt, und so gelangt Jeremias Prophezeiung zur Erfüllung. Auch Marias Tränen haben, ebenso wie die von Rahel, Hoffnung und neues Leben hervorgebracht. Danke.

 

 

Quelle: www.vatican.va