Generalaudienzen 2019


generalaudienz vom 13.11.2019

 

Liebe Brüder und Schwestern,

 

im Rahmen der Katechesen über die Apostelgeschichte richten wir heute unseren Blick auf die Eheleute Aquila und Priscilla, die eine wichtige Rolle für die Missionstätigkeit des heiligen Paulus spielten. In Korinth gaben sie dem Apostel Wohnung und Arbeit (Apg 16,2). Aquila war wie Paulus Zeltmacher. Später hielten sie sich in Ephesus auf (18,18f). Großzügig öffnete das Ehepaar allen Brüdern und Schwestern in Christus die Türen. In ihrem Haus fand sich die Gemeinde der Gläubigen zusammen (1 Kor 16,19), und sie selbst führten Glaubensunterweisungen durch (Apg 18,26). Durch die Gastfreundschaft dieser Eheleute wurde so ein „geistliches Zelt“ aufgerichtet, das die Keimzelle der Ortskirche bildete. Denn mit dem Völkerapostel nahmen sie auch seine Botschaft auf, die lebendig macht. Dabei scheuten sie auch das eigene Opfer nicht: Für das Leben des Paulus haben sie „ihren eigenen Kopf hingehalten“, wie dieser berichtete (Röm 16,4). Das ist schließlich allen „Gemeinden der Heiden“ zugutegekommen (ebd.). So ist das Christentum auch dank des Glaubens und der missionarischen Gesinnung vieler Laien bis zu uns gelangt. Damit es im Boden des Volkes Wurzeln schlug, bedurfte es nicht nur die Verkündigung; »um sich lebendig zu entfalten, war auch der Einsatz dieser Familien, dieser Eheleute, dieser christlichen Gemeinden, der gläubigen Laien notwendig, die den „Nährboden“ für das Wachsen des Glaubens geliefert haben« (Benedikt XVI. Generalaudienz, 7. Februar 2007).

 

Quelle: vatican.va

 

 

generalaudienz vom 06.11.2019

 

Liebe Brüder und Schwestern, in der heutigen Katechese betrachten wir das Wirken des Apostels Paulus in Athen, der Hauptstadt der antiken Kultur. Beim Anblick der zahlreichen Götzenbilder „wurde sein Geist von heftigem Zorn erfasst“. Dieser Zusammenstoß mit dem Heidentum jedoch treibt ihn nicht zur Flucht, sondern zum Dialog mit jener Kultur: Er macht sich mit der Stadt vertraut und sucht ihre wichtigsten Orte und Plätze auf, wo er Juden, stoischen und epikureischen Philosophen sowie vielen anderen begegnet. So begibt er sich in den Mittelpunkt einer der berühmtesten Institutionen der antiken Welt, auf den Areopag, wo er Jesus Christus verkündet. Ausgehend von einem „dem unbekannten Gott“ geweihten Altar, erklärt er seinen Zuhörern einfühlsam, dass Gott unter den Menschen wohnt und sich vor denen nicht verbirgt, die ihn suchen. So kann Paulus über die christliche Offenbarung sprechen, über den Schöpfer, über die Erlösung und das Gericht. Zwar stößt er beim Thema der Auferstehung Christi auf Spott und Hohn, doch bleibt seine Mission nicht ohne Frucht: Einige Menschen öffnen sich für den Glauben, so dass das Evangelium auch in Athen Wurzel schlagen kann. Möge auch heute das Licht Christi die Herzen derer, die ihn noch nicht kennen, erleuchten und erwärmen.

 

 

Quelle: vatican.va

 

 

generalaudienz vom 30.10.2019

 

Liebe Brüder und Schwestern,

guten Tag!

 

Wenn man die Apostelgeschichte liest, dann sieht man, dass der Heilige Geist der Protagonist der Sendung der Kirche ist: Er ist es, der den Weg der Verkündiger des Evangeliums leitet und ihnen den Weg zeigt, dem sie folgen sollen. Das sehen wir deutlich in dem Augenblick, in dem der Apostel Paulus, nachdem er in Troas angekommen ist, eine Vision empfängt. Ein Mazedonier bittet ihn: »Komm herüber nach Mazedonien und hilf uns!« (Apg 16,9). Die Bevölkerung von Nordmazedonien ist stolz, sehr stolz darauf, Paulus gerufen zu haben, damit Paulus ihnen Jesus Christus verkündige. Ich erinnere mich sehr gut an jenes schöne Volk, das mich mit großer Warmherzigkeit aufgenommen hat: Mögen sie diesen Glauben bewahren, den Paulus ihnen verkündigt hat! Der Apostel hat nicht gezögert: Er bricht nach Mazedonien auf, in der Gewissheit, dass Gott ihn gesandt hat, und kommt in Philippi an, einer römischen »Kolonie« (Apg 16,12) an der Via Egnatia, um das Evangelium zu verkünden.

 

Paulus bleibt mehrere Tage dort. Drei Ereignisse zeichnen seinen Aufenthalt in Philippi an diesen drei Tagen aus. Drei wichtige Ereignisse: 1) die Evangelisierung und Taufe von Lydia und ihrer Familie; 2) die Verhaftung, die er zusammen mit Silas erleidet, nachdem er an einer Magd, die von ihren Herren ausgebeutet wurde, einen Exorzismus vorgenommen hatte; 3) die Bekehrung und Taufe seines Gefängniswärters und dessen Familie. Betrachten wir diese drei Episoden im Leben des Paulus.

 

Die Kraft des Evangeliums richtet sich zunächst auf die Frauen von Philippi, insbesondere auf Lydia, eine Purpurhändlerin aus der Stadt Thyatira, eine Gottesfürchtige, der der Herr das Herz öffnet, »sodass sie den Worten des Paulus aufmerksam lauschte« (Apg 16,14). Tatsächlich nimmt Lydia Christus an, empfängt die Taufe zusammen mit ihrer Familie und nimmt jene auf, die zu Christus gehören, indem sie Paulus und Silas in ihrem Haus Gastfreundschaft gewährt. Hier haben wir das Zeugnis von der Ankunft des Christentums in Europa: den Beginn eines Prozesses der Inkulturation, der bis heute fortdauert. Es ist von Mazedonien aus hereingekommen. Nach der Warmherzigkeit, die sie im Haus der Lydia erfahren haben, müssen Paulus und Silas dann mit der Härte des Gefängnisses zurechtkommen. Vom Trost der Bekehrung Lydias und ihrer Familie kommen sie in die Trostlosigkeit des Gefängnisses, in das sie geworfen werden, weil sie »eine Magd, die einen Wahrsagegeist hatte und mit der Wahrsagerei ihren Herren großen Gewinn einbrachte« (Apg 16,16) im Namen Jesu befreit hatten. Ihre Herren verdienten viel, und diese arme Magd tat das, was Wahrsagerinnen tun: Sie sagte dir die Zukunft voraus, sie las dir die Hand – wie es in dem Lied heißt: »Prendi questa mano, zingara« [Nimm diese Hand, Zigeunerin] –, und die Menschen bezahlten dafür.

 

Auch heute, liebe Brüder und Schwestern, gibt es Menschen, die dafür bezahlen. Ich erinnere mich, dass in meiner Diözese in einem sehr großen Park über 60 kleine Tische standen, an denen Wahrsager und Wahrsagerinnen saßen, die dir die Hand lasen, und die Leute glaubten diese Dinge! Und sie bezahlten. Und das geschah auch zur Zeit des heiligen Paulus. Als Vergeltung zeigen ihre Herren Paulus an und führen die Apostel vor die obersten Beamten mit dem Vorwurf der Stiftung öffentlicher Unruhe.

 

Aber was geschieht? Paulus ist im Gefängnis, und während der Gefangenschaft passiert etwas Überraschendes. Er ist an einem trostlosen Ort, aber statt zu klagen, erheben Paulus und Silas Loblieder zu Gott, und dieser Lobpreis setzt eine Kraft frei, die sie befreit: Während des Gebets erschüttert ein Erdbeben die Grundmauern des Gefängnisses, öffnen sich die Türen und fallen allen die Ketten ab (vgl. Apg 16,25-26). Wie das Gebet am Pfingsttag ruft auch dieses Gebet im Gefängnis wunderbare Auswirkungen hervor. Der Gefängniswärter, der glaubte, dass die Gefangenen geflohen seien, wollte Selbstmord begehen, denn die Gefängniswärter bezahlten mit dem eigenen Leben, wenn ein Gefangener floh. Paulus aber ruft laut: »Wir sind alle noch da« (Apg 16,27-28). Daraufhin fragt jener: »Was muss ich tun, um gerettet zu werden?

 

(V. 30). Die Antwort lautet: »Glaube an Jesus, den Herrn, und du wirst gerettet werden, du und dein Haus« (V. 31). An diesem Punkt geschieht der Wandel: Mitten in der Nacht hört der Gefängniswärter das Wort des Herrn zusammen mit seinen Angehörigen, nimmt die Apostel auf, wäscht ihre Striemen – denn sie waren geschlagen worden – und empfängt zusammen mit seinen Angehörigen die Taufe. Dann lässt er »mit seinem ganzen Haus voll Freude, weil er zum Glauben an Gott gekommen war« (V. 34), den Tisch decken und lädt Paulus und Silas ein, bei ihnen zu bleiben: der Augenblick des Trostes! Mitten in der Nacht dieses namenlosen Gefängniswärters erstrahlt das Licht Christi und vertreibt die Finsternis: Die Ketten des Herzens fallen ab, und in ihm und seinen Angehörigen keimt eine nie zuvor empfundene Freude auf. So missioniert der Heilige Geist: Von Anfang an, von Pfingsten an ist er der Protagonist der Mission. Und er bringt uns voran. Wir müssen der Berufung treu sein, zu der der Heilige Geist uns bewegt. Um das Evangelium zu bringen.

 

Bitten auch wir heute den Heiligen Geist um ein offenes Herz, das empfänglich ist für Gott und gastfreundlich gegenüber den Brüdern und Schwestern, wie das der Lydia. Und um einen mutigen Glauben wie den des Paulus und des Silas und auch um eine Öffnung des Herzens wie beim Gefängniswärter, der sich vom Heiligen Geist berühren lässt.

 

Quelle: vatican.va

 

 

generalaudienz vom 23.10.2019

 

Liebe Brüder und Schwestern, in unserer Katechesenreihe zur Apostelgeschichte hören wir heute, wie das Wort Gottes von Jerusalem aus immer weiter in die Welt hinausgeht. Barnabas und Paulus machen die Botschaft Christi in Kleinasien bekannt. Sie verkündigen das Evangelium nicht nur den Juden, sondern zunehmend auch den Heiden. Die junge Kirche ist wie ein Zelt, das sich dadurch auszeichnet, dass sein Raum erweitert und so allen Einlass gewährt werden kann. Doch diese Offenheit löst unter den Judenchristen eine Kontroverse über das rechte Verhältnis des Glaubens an Christus und die Befolgung des mosaischen Gesetzes aus. In der dazu einberufenen Versammlung der Apostel und der Gemeinde von Jerusalem gelingt es schließlich Petrus und Jakobus, die Einheit zu stärken. Petrus lädt die Brüder ein, den neu bekehrten Heiden kein neues Joch aufzulegen im festen Glauben, dass wir durch die Gnade des Herrn Jesus und nichts sonst gerettet werden. Jakobus ermahnt die neuen Gläubigen, den Götzendienst in all seinen Äußerungen und Unzucht zu meiden. Dies wird in einem Schreiben, dem sog. Aposteldekret, festgelegt, das an alle Gemeinden versandt wird. Wir können es als den Anfang eines synodalen Elements in der Kirche ansehen: Die verschiedenen Auffassungen werden durch das aufmerksame geduldige Hören aufeinander und die Unterscheidung im Licht des Heiligen Geistes zur Einheit geführt.

 

Quelle: vatican.va

 

 


generalaudienz vom 16.10.2019

 

Liebe Brüder und Schwestern, in der Apostelgeschichte sehen wir, wie Gott die Verbreitung des Evangeliums schöpferisch begleitet. Gott will, dass seine Kinder offen werden für die Universalität des Heils, dass nämlich alle Menschen zum Heil gerufen sind. Zeuge dieses Prozesses der „Solidarisierung“ ist der heilige Petrus. In einer Vision zeigt ihm der Herr, dass nicht die Kategorien rein und unrein zählen, sondern der Mensch und die Absicht seines Herzens. Dies ist eine entscheidende Wende im Leben des Apostels und macht ihn fähig, dem Auftrag Gottes Folge zu leisten: Petrus sucht den Heiden Cornelius in seinem Haus auf – undenkbar für einen gläubigen Juden – und bringt ihm die Botschaft des Heils in Christus. Der Heilige Geist kommt auf Cornelius herab, und Petrus tauft ihn und sein ganzes Haus. Die Gemeinde in Jerusalem macht ihm deswegen zunächst Vorhaltungen, Petrus aber erfährt durch die Begegnung mit Cornelius eine tiefere Gemeinschaft mit Gott und den anderen. Er hat begriffen, dass Israel durch seine Auserwählung Vermittler des Segens Gottes unter den Völkern sein soll. Als missionarische Jünger sind wir gerufen, das schöpferische Wirken Gottes, der »will, dass alle Menschen gerettet

werden« (1 Tim 2,4), nicht zu behindern, sondern die Begegnung der Menschen mit dem Herrn zu fördern. 

 

Quelle: vatican.va

 

 


generalaudienz vom 09.10.2019

 

Liebe Brüder und Schwestern, die Apostelgeschichte berichtet, dass nach dem Martyrium des Diakons Stephanus die Christen in Jerusalem von einer Verfolgung heimgesucht und an andere Orte Judäas und nach Samaria verstreut wurden. Dies löschte aber das Feuer der Evangelisierung nicht aus, sondern verstärkte es noch. So begegnete Philippus, ein weiterer Diakon, auf der Wüstenstraße nach Gaza einem Kämmerer der Königin von Äthiopien, der auf dem Rückweg von einer Wallfahrt nach Jerusalem war. Dieser las gerade den Propheten Jesaja. Philippus half dem Äthiopier, den Text zu verstehen: Ausgehend von dem Prophetenwort verkündete er das Evangelium von Jesus. Das Wort Gottes wirklich aufzunehmen vermag nur jener, der seine eigenen Grenzen überwindet und sich aufmacht, Gott im Nächsten zu begegnen und Christus ähnlich zu werden, der das lebendige Wort des Vaters ist. Auch der unfruchtbare Kämmerer, ein Eunuch, konnte schließlich geistlich Frucht bringen; denn Philippus führte ihn zur Begegnung mit dem Auferstandenen, zur Taufe und zur geistlichen Neugeburt. Danach wurde Philippus vom Heiligen Geist entrückt, hinterließ aber bei dem Neugetauften ein inneres Feuer und eine tiefe Freude.

 

Quelle: vatican.va

 

 


generalaudienz vom 02.10.2019


 

Liebe Brüder und Schwestern, die Apostelgeschichte berichtet, dass nach dem Martyrium des Diakons Stephanus die Christen in Jerusalem von einer Verfolgung heimgesucht und an andere Orte Judäas und nach Samaria verstreut wurden. Dies löschte aber das Feuer der Evangelisierung nicht aus, sondern verstärkte es noch. So begegnete Philippus, ein weiterer Diakon, auf der Wüstenstraße nach Gaza einem Kämmerer der Königin von Äthiopien, der auf dem Rückweg von einer Wallfahrt nach Jerusalem war. Dieser las gerade den Propheten Jesaja. Philippus half dem Äthiopier, den Text zu verstehen: Ausgehend von dem Prophetenwort verkündete er das Evangelium von Jesus. Das Wort Gottes wirklich aufzunehmen vermag nur jener, der seine eigenen Grenzen überwindet und sich aufmacht, Gott im Nächsten zu begegnen und Christus ähnlich zu werden, der das lebendige Wort des Vaters ist. Auch der unfruchtbare Kämmerer, ein Eunuch, konnte schließlich geistlich Frucht bringen; denn Philippus führte ihn zur Begegnung mit dem Auferstandenen, zur Taufe und zur geistlichen Neugeburt. Danach wurde Philippus vom Heiligen Geist entrückt, hinterließ aber bei dem Neugetauften ein inneres Feuer und eine tiefe Freude.

 

Quelle: vatican.va

 

 


generalaudienz vom 25.09.2019


 

Liebe Brüder und Schwestern, in der Apostelgeschichte berichtet der heilige Lukas von Schwierigkeiten innerhalb der christlichen Gemeinschaft: Es gibt Klagen, weil ein Teil der Witwen bei der Versorgung übersehen wurde. Die Apostel sind sich ihrer vorrangingen Verantwortung für die Verkündigung des Evangeliums bewusst und lösen dieses Problem, indem sie sieben Männer einsetzen, die sich als Diakone der Fürsorge der Armen widmen sollen. Dieses Zusammenspiel zwischen dem Dienst des Wortes und dem Dienst der Nächstenliebe stellt den Sauerteig dar, der die Kirche wachsen lässt. Unter den Diakonen sticht der heilige Stephanus hervor: Er evangelisiert kraftvoll und wird dafür verleumdet. Vor Gericht legt er vorbehaltlos Zeugnis für Christus ab, die Mitte der ganzen Heilsgeschichte. Bei seiner Steinigung zeugt Stephanus von dem „Stoff“, aus dem ein Jünger Christi gemacht ist: Er legt sein Leben in die Hände Gottes und verzeiht seinen Peinigern. So ist Stephanus durch den Heiligen Geist Christus ganz gleich geworden. Auch heute ist die Kirche reich an Märtyrern, die der Same neuer Christen sind. Die Märtyrer sind die wahren Sieger, da sie den Sauerstoff des Reiches Gottes eingeatmet haben und ihn in die Welt gebracht haben, damit die Menschen zum wahren Leben gelangen.

 

Quelle: vatican.va

 

 


generalaudienz vom 18.09.2019


 

Liebe Brüder und Schwestern,

guten Tag!

 

Wir setzen die Katechese über die Apostelgeschichte fort. Angesichts des Verbots der Juden, im Namen Christi zu lehren, antworten Petrus und die Apostel mit Mut, dass sie nicht jenen gehorchen können, die den Weg des Evangeliums in der Welt aufhalten wollen. Die Zwölf zeigen so, dass sie jenen »Glaubensgehorsam « besitzen, den sie auch bei allen anderen Menschen erwecken wollen (vgl. Röm 1,5). Denn seit Pfingsten sind sie keine Männer mehr, die »allein« sind. Sie erfahren jenes besondere Zusammenwirken, das sie sich selbst aus dem Mittelpunkt nehmen und sagen lässt: »wir und der Heilige Geist« (Apg 5,32) oder »der Heilige Geist und wir« (Apg 15,28). Sie spüren, dass sie nicht nur »ich« sagen können; es sind Männer, die sich selbst aus dem Mittelpunkt genommen haben. Gestärkt in diesem Bündnis lassen sich die Apostel von niemandem einschüchtern. Sie hatten einen beeindruckenden Mut! Denken wir daran, dass sie Feiglinge waren: Alle sind weggelaufen, sind geflohen, als Jesus verhaftet wurde. Die einstigen Feiglinge sind jedoch so mutig geworden. Warum? Weil der Heilige Geist mit ihnen war.

 

Dasselbe geschieht auch uns: Wenn wir den Heiligen Geist in uns haben, dann werden wir den Mut haben voranzugehen, den Mut, viele Kämpfe zu gewinnen, nicht durch uns, sondern durch den Geist, der mit uns ist. Sie weichen nicht zurück auf ihrem Marsch als furchtlose Zeugen des auferstandenen Jesus, wie die Märtyrer aller Zeiten, einschließlich der unseren. Die Märtyrer geben das Leben hin, verbergen nicht ihr Christsein. Denken wir, vor einigen Jahren – auch heute gibt es viele von ihnen – denken wir jedoch an jene orthodoxen koptischen Christen vor vier Jahren, echte Arbeiter, auf dem Strand von Libyen: Alle wurden enthauptet. Das letzte Wort, das sie sagten, war jedoch: »Jesus, Jesus.« Sie hatten den Glauben nicht verraten, denn der Heilige Geist war mit ihnen. Das sind die Märtyrer von heute! Die Apostel sind die »Megafone« des Heiligen Geistes, gesandt vom Auferstandenen, um mit Bereitschaft und ohne Zögern das heilbringende Wort zu verbreiten.

 

Und diese Entschlossenheit erschüttert wirklich das jüdische »religiöse System«, das sich bedroht fühlt und mit Gewalt und Todesurteilen antwortet. Die Verfolgung der Christen ist immer gleich: Die Menschen, die das Christentum nicht wollen, fühlen sich bedroht und bringen so den Christen den Tod. Aber mitten im Hohen Rat erhebt sich eine andere Stimme, die eines Pharisäers, der die Entscheidung trifft, die Reaktion der Seinen zu entschärfen: Er hieß Gamaliël, ein kluger Mann, »ein beim ganzen Volk angesehener Gesetzeslehrer«. In seiner Schule hatte der heilige Paulus gelernt, das »Gesetz der Väter« zu beachten (vgl. Apg 22,3). Gamaliël ergreift das Wort und zeigt seinen Brüdern, wie sie die Kunst der Unterscheidung ausüben sollen angesichts von Situationen, die über die gewohnten Denkmuster hinausgehen.

 

Indem er einige Persönlichkeiten nennt, die sich für den Messias ausgegeben hatten, zeigt er, dass jeder menschliche Plan zunächst Zustimmung ernten und dann Schiffbruch erleiden kann, während alles, was von oben kommt und die »Unterschrift « Gottes trägt, dazu bestimmt ist, dauerhaft zu sein. Die menschlichen Pläne scheitern immer; sie haben eine Zeit, wie wir. Denkt an die vielen politischen Projekte und wie sie sich verändern, von einer Seite zur anderen, in allen Ländern. Denkt an die großen Reiche, denkt an die Diktaturen des vergangenen Jahrhunderts: Sie fühlten sich sehr mächtig, sie meinten, sie würden die Welt beherrschen. Und dann sind sie alle zusammengebrochen.

 

Denkt auch an heute, an die Reiche von heute: Sie werden untergehen, wenn Gott nicht mit ihnen ist, denn die Kraft, die die Menschen in sich selbst haben, ist nicht dauerhaft. Nur Gottes Kraft dauert an. Denken wir an die Geschichte der Christen, auch an die Kirchengeschichte, mit vielen Sünden, mit vielen Skandalen, mit vielen schlimmen Dingen in diesen beiden Jahrtausenden. Und warum ist sie nicht untergegangen? Weil Gott dort ist. Wir sind Sünder, und oft nimmt man auch an uns Anstoß. Aber Gott ist mit uns. Und Gott rettet erst uns und dann sie; aber immer rettet er, der Herr. Die Kraft ist »Gott mit uns«. Gamaliël zeigt, indem er einige Persönlichkeiten nennt, die sich als der Messias ausgegeben hatten, dass jeder menschliche Plan zunächst Zustimmung erlangen und dann Schiffbruch erleiden kann. Daher schließt Gamaliël, dass die Jünger Jesu, wenn sie einem Betrüger geglaubt haben, dazu bestimmt sind, ins Nichts zu verschwinden; wenn sie dagegen jemandem nachfolgen, der von Gott kommt, dann ist es besser, darauf zu verzichten, sie zu bekämpfen. Und er warnt: »Sonst werdet ihr noch als Kämpfer gegen Gott dastehen« (Apg 5,39). Er lehrt uns, diese Unterscheidung vorzunehmen.

 

Es sind ruhige und weitblickende Worte, die es gestatten, das christliche Ereignis in einem neuen Licht zu sehen, und die Kriterien bieten, die »nach Evangelium schmecken«, weil sie einladen, den Baum an seinen Früchten zu erkennen (vgl. Mt 7,16). Sie berühren die Herzen und erlangen die erhoffte Wirkung: Die anderen Mitglieder des Hohen Rates folgen seinem Rat und verzichten auf das tödliche Vorhaben, also darauf, die Apostel zu töten. Bitten wir den Heiligen Geist, in uns zu wirken, damit wir sowohl persönlich als auch gemeinschaftlich die Gewohnheit der Unterscheidung erwerben. Bitten wir ihn, stets die Einheit der Heilsgeschichte sehen zu können durch die Zeichen der Gegenwart Gottes in unserer Zeit und auf den Gesichtern derer, die bei uns sind, damit wir lernen, dass die Zeit und die menschlichen Gesichter Boten des lebendigen Gottes sind.

 

Quelle: vatican.va

 

 


generalaudienz vom 11.09.2019


 

Liebe Brüder und Schwestern, gestern Abend bin ich von meiner Reise nach Mosambik, Madagaskar und Mauritius zurückgekehrt, wo ich als Pilger des Friedens und der Hoffnung unterwegs war. Die Hoffnung der Welt ist Christus und sein Evangelium ist das stärkste Mittel, um Gerechtigkeit, Freiheit und Frieden unter den Völkern wachsen zu lassen. In Mosambik habe ich Samen der Hoffnung, des Friedens und der Versöhnung ausgesät, einem Land, das in der jüngeren Vergangenheit aufgrund eines langen gewaltsamen Konflikts und von Naturkatastrophen viel leiden musste. In Madagaskar habe ich den Wunsch zum Ausdruck gebracht, dass das Volk durch den ihm eigenen Geist der Solidarität die Armut überwinden und eine Zukunft in sozialer Gerechtigkeit aufbauen möge. Dass dies ohne Glauben und Gebet nicht möglich ist, habe ich durch meinen Besuch bei den kontemplativen Ordensschwestern hervorgehoben. Die letzte Etappe führte mich schließlich auf die Insel Mauritius, wo ich die Seligpreisungen als Gegenmittel gegen die Versuchung eines egoistischen und diskriminierenden Wohlstandes verkündet habe. Die jungen Gesellschaften dieser drei Länder mögen die Beziehungen untereinander und mit der Welt vertiefen und dabei das Erbe ihrer Väter in Ehren halten.

 

 

Quelle: vatican.va

 

 


generalaudienz vom 29.08.2019


 

Liebe Brüder und Schwestern, die Apostelgeschichte spricht von dem großen Reichtum, den der Herr seiner Kirche verliehen hat. Die Apostel besaßen weder Silber noch Gold, ihre Kraft und Stärke ist der Herr (vgl. Apg 3,6). So wächst die junge Kirche und ist fruchtbar trotz aller äußeren Anfeindungen. Lukas erwähnt ausdrücklich die vielen Zeichen und Wunder, welche die Verkündigung der Apostel begleiteten, und insbesondere auch ihre Sorge um die Schwächsten. Petrus spielt dabei eine herausragende Rolle, aber nicht die Hauptrolle. Alles was der Apostel tut, bewirkt letztlich ein anderer. Was Petrus vollbringt, ist eigentlich das Werk seines Meisters, des auferstandenen Herrn (vgl. Joh 14,12). Die ganze Existenz des Petrus ist durchdrungen von Christus. Der Herr handelt durch die Worte und Gesten, ja sogar durch die bloße physische Präsenz des Petrus und führt so sein Heilswerk fort. Das gnadenreiche Wirken der Apostel findet nicht nur Beifall. Die Sadduzäer möchten sie zum Schweigen bringen. Petrus reagiert darauf mit einem Wort, dass für jeden Christen bedeutsam ist: »Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen« (Apg 5, 29). Bitten wir den Heiligen Geist, er möge auch uns in aller Bedrängnis stärken und uns die liebevolle und tröstende Gegenwart des Herrn erfahren lassen.

 

 

Quelle: vatican.va

 

 


generalaudienz vom 21.08.2019


 

Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

 

Die christliche Gemeinschaft geht aus der überreichen Ausgießung des Heiligen Geistes hervor und wächst dank des Sauerteigs des Teilens unter den Brüdern und Schwestern in Christus. Es gibt eine Dynamik der Solidarität, die die Kirche als Familie Gottes aufbaut, in der die Erfahrung der »koinonia« im Mittelpunkt steht. Was bedeutet dieses seltsame Wort? Es ist ein griechisches Wort, das bedeutet: »gemeinschaftlich nutzen«, »gemeinsam nutzen«, wie eine Gemeinschaft zu sein, nicht isoliert. Das ist die Erfahrung der ersten christlichen Gemeinde: gemeinsam nutzen, »miteinander teilen«, »mitteilen, teilhaben «, sich nicht isolieren. In der Urkirche verweist diese »koinonia«, diese Gemeinschaft in erster Linie auf die Teilhabe am Leib und Blut Christi. Daher sagen wir, wenn wir die Kommunion empfangen, dass wir »kommunizieren«: Wir treten in Gemeinschaft mit Christus, und von dieser Gemeinschaft mit Christus gelangen wir zur Gemeinschaft mit den Brüdern und Schwestern.

 

Diese Kommunion am Leib und Blut Christi, die in der heiligen Messe stattfindet, wird zum geschwisterlichen Bund und damit auch zu dem, was für uns am schwierigsten ist: die Güter gemeinsam zu nutzen und Geld zu sammeln für die Kollekte zugunsten der Mutterkirche von Jerusalem (vgl. Röm 12,13; 2 Kor 8-9) und der anderen Kirchen. Wenn ihr wissen wollte, ob ihr gute Christen seid, müsst ihr beten, danach streben, die Kommunion zu empfangen und das Sakrament der Versöhnung. Aber das Zeichen, dass dein Herz sich bekehrt hat, ist dann gekommen, wenn die Umkehr die Taschen erreicht, wenn sie die eigenen Interessen betrifft: Dort sieht man, ob jemand großherzig ist gegenüber den anderen, ob jemand den Schwachen, den Armen hilft. Wenn die Umkehr dort ankommt, dann kannst du sicher sein, dass es eine wahre Umkehr ist. Wenn es nur bei den Worten bleibt, dann ist es keine gute Umkehr.

 

Das eucharistische Leben, die Gebete, die Verkündigung der Apostel und die Erfahrung der Gemeinschaft (vgl. Apg 2,42) bewirken, dass die Gläubigen eine Vielzahl von Individuen sind, die – wie es in der Apostelgeschichte heißt – »ein Herz und eine Seele« sind und die das, was sie besitzen, nicht ihr Eigentum nennen, sondern alles gemeinsam haben (vgl. Apg 4,32). Es ist ein so starkes Lebensmodell, dass es uns hilft, großherzig und nicht geizig zu sein. Aus diesem Grund, so heißt es in demselben Buch, gab es »keinen unter ihnen, der Not litt. Denn alle, die Grundstücke oder Häuser besaßen, verkauften ihren Besitz, brachten den Erlös und legten ihn den Aposteln zu Füßen. Jedem wurde davon so viel zugeteilt, wie er nötig hatte« (Apg 4,34-35). Immer gab es in der Kirche diese Geste der Christen, die sich jener Dinge entäußerten, die sie übrig hatten, unnötige Dinge, um sie jenen zu geben, die in Not waren. Und nicht nur Geld, sondern auch Zeit. Wie viele Christen – zum Beispiel ihr hier in Italien –, wie viele Christen sind ehrenamtlich tätig!

 

Das ist wunderschön! Es bedeutet Gemeinschaft, meine Zeit mit den anderen zu teilen, um jenen zu helfen, die in Not sind. So ist es: das Ehrenamt, die karitativen Werke, die Krankenbesuche. Man muss immer mit den anderen teilen und nicht nur das eigene Interesse suchen. Die Gemeinschaft, oder »koinonia«, wird so zur neuen Weise der Beziehung zwischen den Jüngern des Herrn. Die Christen erfahren eine neue Weise des Daseins, des Verhaltens untereinander. Und das ist die eigentliche christliche Weise – so dass die Heiden die Christen sogar anschauten und sagten: »Seht, wie sie einander lieben! « Liebe war ihre Art und Weise.

 

Aber keine Liebe in Worten, keine vorgetäuschte Liebe: Liebe der Werke, der gegenseitigen Hilfe, konkrete Liebe, die Konkretheit der Liebe. Der Bund mit Christus stellt einen Bund zwischen den Geschwistern her, der auch in die Gemeinschaft der materiellen Güter einmündet und in ihr zum Ausdruck kommt. Ja, diese Weise des Zusammenseins, diese gegenseitige Liebe gelangt so bis zu den Taschen, bis dahin, sich auch des Hindernisses des Geldes zu entäußern, um es den anderen zu geben und gegen das eigene Interesse zu handeln. Glieder des Leibes Christi zu sein macht die Gläubigen mitverantwortlich füreinander. An Christus zu glauben macht uns alle verantwortlich füreinander: »Schau mal den an, was der für ein Problem hat: Das interessiert mich nicht, es ist seine Sache. « Nein, unter Christen können wir nicht sagen: »Der arme Mensch, er hat ein Problem zu Hause, er hat diese und jene Schwierigkeit in der Familie.« Vielmehr muss ich beten, mich seiner annehmen, er ist mir nicht gleichgültig. Das bedeutet es, Christ zu sein. Darum tragen die Starken die Schwachen (vgl. Röm 15,1), und keiner erfährt das Elend, das die menschliche Würde demütigt und entstellt, denn sie leben diese Gemeinschaft: Das Herz gemeinsam haben. Sie lieben einander. Das ist das Zeichen: konkrete Liebe.

 

Jakobus, Petrus und Johannes, die drei Apostel, die gleichsam die »Säulen« der Kirche von Jerusalem sind, beschließen gemeinsam, dass Paulus und Barnabas die Heiden evangelisieren sollen, während sie selbst die Juden evangelisieren wollen, und nennen Paulus und Barnabas nur die Voraussetzung dafür: die Armen nicht zu vergessen, an die Armen zu denken (vgl. Gal 2,9-10). Nicht nur an die materiell Armen, sondern auch an die geistlich Armen, an die Menschen, die Probleme haben und unsere Nähe brauchen. Ein Christ beginnt immer bei sich selbst, beim eigenen Herzen, und er nähert sich den anderen, wie Jesus sich uns genähert hat. Das ist die erste christliche Gemeinschaft.

 

Ein konkretes Beispiel für das Teilen und die Gütergemeinschaft gibt uns das Zeugnis des Barnabas: Er besitzt einen Acker und verkauft ihn, um den Erlös den Aposteln zu geben (vgl. Apg 4,36-37). Neben seinem positiven Beispiel erscheint jedoch ein weiteres, das leider negativ ist: Hananias und seine Frau Saphira haben ein Grundstück verkauft und beschließen, nur einen Teil den Aposteln zu geben und den anderen für sich zu behalten (vgl. Apg 5,1-2). Dieser Betrug durchbricht die Kette des unentgeltlichen Teilens, das friedliche und uneigennützige Miteinander-Teilen, und die Folgen sind tragisch, sind fatal (vgl. Apg 5,5.10). Der Apostel Petrus deckt das Fehlverhalten von Hananias und seiner Frau auf und sagt zu ihnen: »Warum hat der Satan dein Herz erfüllt, dass du den heiligen Geist belügst und von dem Erlös des Grundstücks etwas für dich behältst? […] Du hast nicht Menschen belogen, sondern Gott« (Apg 5,3-4). Wir könnten sagen, dass Hananias Gott belogen hat aufgrund eines isolierten Bewusstseins, eines heuchlerischen Bewusstseins, also durch eine »verhandelte«, partielle und opportunistische kirchliche Zugehörigkeit. Die Heuchelei ist der ärgste Feind dieser christlichen Gemeinde, dieser christlichen Liebe: so zu tun als liebe man einander, aber nur das eigene Interesse zu suchen.

 

Denn gegen das ehrliche Teilen zu verstoßen oder gegen die aufrichtige Liebe zu verstoßen bedeutet, Heuchelei zu pflegen, sich von der Wahrheit zu entfernen, egoistisch zu werden, das Feuer der Gemeinschaft zu löschen und sich dem eiskalten inneren Tod auszusetzen. Wer sich so verhält, ist in der Kirche auf der Durchreise wie ein Tourist. Es gibt viele Touristen in der Kirche, die stets auf der Durchreise sind, aber nie in die Kirche eintreten: Es ist der geistliche Tourismus, der sie glauben lässt, dass sie Christen seien, während sie nur Touristen in den Katakomben sind. Nein, wir dürfen keine Touristen in der Kirche sein, sondern müssen untereinander Geschwister sein. Ein Leben, das darauf ausgerichtet ist, aus den Situationen nur Nutzen und Vorteil zu ziehen zum Nachteil der anderen, führt unvermeidlich zum inneren Tod. Und wie viele Menschen bezeichnen sich selbst als der Kirche nahestehend, als Freunde der Priester, der Bischöfe, während sie nur das eigene Interesse verfolgen. Das sind die Heucheleien, die die Kirche zerstören!

 

Möge der Herr – darum bitte ich für uns alle – über uns seinen Geist der Zärtlichkeit ausgießen, der jede Heuchelei überwindet und jene Wahrheit in Umlauf bringt, die die christliche Solidarität nährt, die durchaus keine Sozialarbeit ist, sondern der unverzichtbare Ausdruck des Wesens der Kirche, der zärtlichen Mutter aller Menschen, besonders der Armen.

 

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Quelle: vatican.va

 

 


generalaudienz vom 07.08.2019


 

Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

 

In der Apostelgeschichte wird die Verkündigung des Evangeliums nicht nur den Worten, sondern auch konkreten Gesten anvertraut, die die Wahrheit der Verkündigung bezeugen. Es handelt sich um »Wunder und Zeichen« (Apg 2,43), die durch das Wirken der Apostel geschehen. Sie bestätigen ihr Wort und zeigen, dass sie im Namen Christi handeln. So geschieht es, dass die Apostel Fürbitte halten und Christus wirkt, indem er »zusammen mit ihnen« handelt und das Wort durch die Zeichen bekräftigt, die es begleiten (vgl. Mk 16,20). Viele Zeichen, viele Wunder, die die Apostel gewirkt haben, waren wirklich eine Offenbarung der Gottheit Jesu.

 

Heute haben wir den ersten Heilungsbericht vor uns, ein Wunder. Es ist der erste Heilungsbericht der Apostelgeschichte. Er hat eine deutliche missionarische Ausrichtung, die darauf abzielt, den Glauben zu wecken. Petrus und Johannes gehen zum Gebet in den Tempel, Mittelpunkt der Glaubenserfahrung Israels, mit dem die ersten Christen noch immer stark verbunden sind. Die ersten Christen haben im Tempel in Jerusalem gebetet. Lukas gibt die Stunde an: Es ist um die neunte Stunde, also um drei Uhr Nachmittags, wenn das Sühneopfer dargebracht wurde als Zeichen der Gemeinschaft des Volkes mit seinem Gott. Und es ist auch die Stunde, in der Christus gestorben ist, der sich selbst »ein für allemal« als Opfergabe dargebracht hat (Hebr 9,12; vgl. 10,10). Und an der Pforte des Tempels, die die »Schöne« genannt wird – die Schöne Pforte –, sehen sie einen Bettler, einen Mann, der von Geburt an gelähmt war. Warum war dieser Mann bei der Pforte? Weil das mosaische Gesetz (vgl. Lev 21,18) es Menschen mit körperlichen Gebrechen – die als Folge einer Schuld betrachtet wurden – untersagte, Opfer darzubringen. Erinnern wir uns daran, dass das Volk Jesus angesichts eines Mannes, der seit seiner Geburt blind war, gefragt hatte: »Wer hat gesündigt? Er selbst? Oder haben seine Eltern gesündigt, sodass er blind geboren wurde?« (Joh 9,2).

 

Diesem Denken zufolge steht immer eine Schuld am Ursprung einer Fehlbildung. Und demzufolge wurde ihnen sogar der Zugang zum Tempel verwehrt. Der Gelähmte, ein Sinnbild der vielen von der Gesellschaft Ausgegrenzten und Ausgesonderten, ist wie jeden Tag dort, um Almosen zu erbetteln. Er durfte nicht eintreten, sondern saß am Tor. Da geschieht etwas Unvorhergesehenes: Petrus und Johannes kommen, und ihre Blicken beginnen sich zu kreuzen. Der Gelähmte blickt die beiden an, um ein Almosen zu erbitten. Die Apostel dagegen richten ihren Blick auf ihn und laden ihn ein, sie auf andere Weise anzusehen, um eine andere Gabe zu erhalten. Der Gelähmte schaut sie an, und Petrus sagt zu ihm: »Silber und Gold besitze ich nicht. Doch was ich habe, das gebe ich dir: Im Namen Jesu Christi, des Nazoräers, geh umher!« (Apg 3,6). Die Apostel haben eine Beziehung hergestellt, denn das ist die Weise, in der Gott sich offenbaren möchte, in der Beziehung, immer im Dialog, immer in den Erscheinungen, immer mit der Eingebung des Herzens: Es sind Beziehungen Gottes mit uns; durch eine echte Begegnung zwischen den Menschen, die nur in der Liebe geschehen kann.

 

Der Tempel war nicht nur der religiöse Mittelpunkt, sondern auch ein Ort wirtschaftlichen und finanziellen Handels: Gegen diese Herabsetzung hatten sich die Propheten und auch Jesus selbst mehrmals vehement gewandt (vgl. Lk 19,45-46). Aber wie oft denke ich daran, wenn ich eine Pfarrei sehe, wo man meint, dass das Geld wichtiger ist als die Sakramente! Bitte! Eine arme Kirche: Bitten wir den Herrn darum. Als jener Bettler den Aposteln begegnet, findet er kein Geld, sondern er findet den Namen, der den Menschen rettet: Jesus Christus, der Nazoräer. Petrus ruft den Namen Jesu an, gebietet dem Gelähmten, sich aufrecht hinzustellen, in der Haltung der Lebenden: aufrecht. Und er berührt diesen Kranken, das heißt er fasst ihn an der Hand und richtet ihn auf.

 

Der heilige Johannes Chrysostomos sieht in dieser Geste »ein Bild der Auferstehung« (Predigten über die Apostelgeschichte, 8). Und hier erscheint das Bild der Kirche, die jene sieht, die in Not sind; die nicht die Augen verschließ; die es versteht, der Menschheit ins Gesicht zu blicken, um bedeutsame Beziehungen herzustellen, Brücken der Freundschaft und der Solidarität anstelle von Barrieren. Es erscheint das Gesicht »einer Kirche ohne Grenzen […], die sich als Mutter aller fühlt« (Evangelii gaudium, 210), die es versteht, Menschen an der Hand zu nehmen und zu begleiten, um sie aufzurichten – nicht, um sie zu verurteilen. Jesus streckt immer die Hand aus, er versucht immer, uns aufzurichten, dafür zu sorgen, dass die Menschen geheilt werden, dass sie glücklich sind, dass sie Gott begegnen.

 

Es handelt sich um die »Kunst der Begleitung«, mit der sie sich »dem heiligen Boden des anderen « nähert, um seinem Wandel »den heilsamen Rhythmus der Zuwendung [zu] geben, mit einem achtungsvollen Blick voll des Mitleids, der aber zugleich heilt, befreit und zum Reifen im christlichen Leben ermuntert« (ebd., 169). Und das tun die beiden Apostel mit dem Gelähmten. Sie blicken ihn an, sagen: »Sieh uns an!« Sie strecken ihm die Hand hin, sie richten ihn auf und heilen ihn. Das macht Jesus mit uns allen. Denken wir daran in Augenblicken, in denen es uns schlechtgeht, in Augenblicken der Sünde, in Augenblicken der Traurigkeit. Jesus ist da und sagt zu uns: »Sieh mich an: Ich bin da!« Nehmen wir die Hand Jesu und lassen wir uns aufrichten. Petrus und Johannes lehren uns, nicht auf die Mittel zu vertrauen, die zwar nützlich sind, sondern auf den wahren Reichtum: die Beziehung mit dem Auferstandenen. Denn wir sind – wie der heilige Paulus sagen würde – »arm und machen doch viele reich; wir haben nichts und haben doch alles« (2 Kor 6,10). Unser »alles« ist das Evangelium, das die Kraft des Namens Jesu offenbart, der Wunder vollbringt. Und wir – ein jeder von uns –, was besitzen wir? Was ist unser Reichtum, was ist unser Schatz? Womit können wir die anderen reich machen? Bitten wir den Vater um eine dankbare Erinnerung an die Wohltaten seiner Liebe in unserem Leben, um allen das Zeugnis des Lobpreises und der Dankbarkeit zu geben. Vergessen wir nicht: Die stets ausgestreckte Hand, um dem anderen zu helfen, sich aufzurichten; es ist die Hand Jesu, der den anderen durch unsere Hand hilft, sich aufzurichten.

 

 

Quelle: vatican.va

 

 


generalaudienz vom 26.06.2019


 

Liebe Brüder und Schwestern, die Frucht der Ausgießung des Geistes an Pfingsten war, dass viele Menschen das Heil in Christus annahmen und die Taufe empfingen. Der Evangelist Lukas stellt uns die Kirche von Jerusalem als Vorbild jeder christlichen Gemeinschaft vor Augen, die sich durch das Leben in Brüderlichkeit als Familie Gottes auszeichnet und Nährboden für das Werk der Evangelisierung wird. Die frühen Christen hörten auf die Unterweisung der Apostel, teilten die geistlichen und materiellen Güter miteinander, brachen das Brot und sprachen im Gebet mit Gott. Der Individualismus wurde so zugunsten der Einheit und der Nähe zueinander überwunden. Gerade weil die Christen gemeinsam miteinander unterwegs sind und füreinander sorgen, kann die Kirche ein authentisches liturgisches Leben führen. Die Liturgie drückt das Wesen der Kirche aus, sie ist ihr Atem, sie ist der Ort, wo wir dem Auferstandenen begegnen und seine Liebe erfahren, um sie in diese Welt zu bringen. Der Herr selbst gewährleistet das Wachstum der Kirche und so mögen unsere Gemeinschaften immer mehr zu Orten der Begegnung mit Gott und des brüderlichen Teilens, zu offenen Türen hin zum himmlischen Jerusalem werden.

 

Quelle: vatican.va

 

 


generalaudienz vom 19.06.2019


 

 Liebe Brüder und Schwestern, am Pfingsttag, fünfzig Tage nach Ostern, als die Apostel zusammen mit Maria im Gebet versammelt waren, erfüllte sich das vom Auferstandenen verheißene Kommen des Heiligen Geistes. Die betende Gemeinde wird überrascht vom Einbrechen Gottes durch die Kraft des Windes, der an den Geist der Schöpfung erinnert. Zum Sturmesbrausen kommt das Feuer hinzu, das in der Bibel die Offenbarung Gottes begleitet, wie wir es vom brennenden Dornbusch oder von der Übergabe der Gesetzestafeln am Sinai kennen. Die Kirche wird vom Feuer der Liebe geboren, das zu Pfingsten brennt. Der neue und endgültige Bund gründet nicht in einem auf Tafeln aus Stein geschriebenen Gesetz, sondern auf das Wirken des Geistes Gottes, der alles neu macht und in die Herzen aus Fleisch eingeschrieben ist. Das Wort der Apostel wird vom Geist des Auferstandenen durchdrungen, es wird neu und spricht die Sprache der Wahrheit und der Liebe, die jeder versteht. Der Heilige Geist fügt die Unterschiede harmonisch zusammen: er stiftet Einheit, schafft Versöhnung, baut die Gemeinschaft der Glaubenden auf und lässt die Kirche wachsen. Von Pfingsten an bewegt der Heilige Geist die Herzen, das in Christus geschenkte Heil anzunehmen. Er bewirkt, dass Gottes Liebe uns anzieht und uns an der Neugestaltung der Welt teilnehmen lässt. Allein der Geist Gottes hat die Macht, jeden Bereich menschlicher und brüderlicher zu machen.


Quelle: vatican.va

 

 


generalaudienz vom 12.06.2019


 

Liebe Brüder und Schwestern,

in der heutigen Katechese fahren wir mit unserer Betrachtung über die Apostelgeschichte fort. Diese berichtet, dass die Apostel nach der Himmelfahrt Jesu einmütig im Gebet verharrten. Sie hatten sich dabei um Maria, die Mutter Jesu, geschart (vgl. 1,14). Einer der zwölf von Jesus ausgewählten Apostel fehlte: Judas, der Verräter Jesu, hatte sich von der Gemeinschaft abgesondert. Er wollte es auf eigene Faust schaffen. Er hatte die anderen für seine Interessen instrumentalisiert. Judas wurde Opfer seines eigenen Stolzes und wählte schließlich den Tod, während die anderen Apostel sich für das Leben entschieden. Den Platz und die Aufgabe des Judas musste ein anderer Zeuge des Lebens und der Auferstehung Jesu übernehmen. So baten sie Gott um die Entscheidung für den rechten Kandidaten und das Los fiel auf Matthias. Frei von ihren eigenen Plänen und Vorstellungen vertrauten sie ganz auf Gottes Führung. Damit wurden sie zu Zeugen der Gemeinschaft in Christus. So ist auch die DNA der Gemeinde Jesu die Einheit der Jünger, die Freiheit des Einzelnen von sich selbst und das Zeugnis für das Handeln Gottes in der Geschichte.

 

Quelle: vatican.va

 

 


generalaudienz vom 05.06.2019


 

Liebe Brüder und Schwestern, dankbar blicke ich auf meine Apostolischen Reise nach Rumänien zurück. Sie stand unter dem Motto „Lasst uns gemeinsam vorangehen“. Und so führte eine erste Etappe meiner Pilgerreise zur brüderlichen Begegnung mit dem Patriarchen und den Gläubigen der rumänisch-orthodoxen Kirche, mit der uns über das Band der Taufe hinaus auch das gemeinsame Zeugnis vieler Märtyrer eint. Von besonderer symbolischer Bedeutung war dabei das feierliche Gebet des Vaterunsers in der neuen orthodoxen Kathedrale von Bukarest. Als katholische Gemeinschaft haben wir dann das Fest Mariä Heimsuchung gefeiert, das uns in besonderer Weise die Sendung der Kirche als ein Unterwegssein im Glauben und in der Nächstenliebe vor Augen geführt hat. Im Wallfahrtsort Şumuleu Ciuc konnte ich die Vielfalt der Volksgruppen erleben, die Maria als ihre Mutter und Fürsprecherin erkennen. Ein weiterer Höhepunkt war in Blaj die Seligsprechung von sieben griechisch-katholischen Bischöfen, die in der Zeit der Verfolgung den Glauben mit der Hingabe ihres Lebens bezeugten. Auch bei meinen anderen Begegnungen etwa mit den Familien und Jugendlichen in Iaşi oder mit der großen Volksgruppe der Roma, die oft in der Geschichte unter Diskriminierung und Benachteiligung zu leiden hatte, wollte ich alle einladen zum gemeinsamen Weg eines offenen und respektvollen Umgangs miteinander, der Frucht bringen und alle bereichern möge.

 

Quelle: vatican.va

 

 


generalaudienz vom 29.05.2019


 

Liebe Brüder und Schwestern, mit der heutigen Katechese beginnen wir eine neue Reihe über die Apostelgeschichte. Dieses vom Evangelisten Lukas verfasste Buch der Bibel erzählt die „Reise des Evangeliums in die Welt“. Es zeigt uns die Verbindung von Wort Gottes und Heiligem Geist. Sie sind die Hauptdarsteller, die die Zeit der Evangelisierung begründen. Der Heilige Geist, die dýnamis/Kraft Gottes, reinigt das menschliche Wort und befähigt es, gleichsam wie „Dynamit“ die Herzen zu entzünden, Denkschemen zu sprengen, neue Wege zu öffnen. Vor der Himmelfahrt gebot der Auferstandene den Seinen, auf die Verheißung des Vaters zu warten. Die Taufe mit dem Heiligen Geist lässt sie und uns in persönliche Gemeinschaft mit Gott eintreten und an seinem allgemeinen Heilswillen teilnehmen; sie schenkt die parrhesía, den Freimut, als Kinder Gottes zu reden: klar, frei, wirkkräftig, voll Liebe zu Christus und zu den Brüdern und Schwestern. Die Gabe Gottes ist nicht verdient, sie ist unentgeltlich und wird zu ihrer Zeit geschenkt. Christus lädt die Seinen ein, nicht die Sendung zu „erfinden“, sondern das Tun Gottes, des Herrn über Zeit und Raum, zu erwarten. So sehen wir die Apostel im Abendmahlssaal, wie sie als Familie des Herrn warten. Sie sind eins im beharrlichen Gebet, zusammen mit Maria und den Frauen, die als erste vom Herrn gelernt haben, die Treue der Liebe und die Kraft der Gemeinschaft zu bezeugen, die alle Furcht überwindet.

 

 

Quelle: vatican.va

 

 


generalaudienz vom 22.05.2019


 

Liebe Brüder und Schwestern, heute beschließen wir unsere Katechesen über das Vaterunser. Man kann sagen, dass das christliche Gebet aus dem Wagemut entsteht, Gott als „Vater“ anzusprechen. Hierbei geht es nicht um das Aufsagen einer bloßen Formel, sondern um eine Familiarität mit dem Vater, den Jesus uns offenbart; um eine Gotteskindschaft, an der wir durch die Gnade teilnehmen dürfen. In den Evangelien stößt man auf verschiedene Gebete, die Jesus an den Vater richtet und in denen er das Vaterunser anklingen lässt, so beispielsweise im Garten Getsemani oder wenn er die Jünger zur Vergebung aufruft, bevor sie zum Vater beten. Bei der Betrachtung des Neuen Testaments als Ganzes wird deutlich, dass der Hauptakteur des christlichen Gebets der im Herzen der Jünger wehende Heilige Geist ist. Er macht uns fähig, als Kinder Gottes zu beten, die wir durch die Taufe wahrhaft geworden sind. So kann der Christ ausgehend von dieser Beziehung mit dem Vater in jeder Situation beten und dabei besonders auf die Psalmen zurückgreifen, aber auch auf die zahlreichen Gebete, die das menschliche Herz über die Jahrhunderte hervorgebracht hat. Erzählen wir dem Vater alles über uns, aber auch über unsere Brüder und Schwestern, besonders die Notleidenden, auf dass niemand ohne Trost und ohne Liebe bleibe und wir im Vertrauen zum Vater wachsen.   

 

 

Quelle: vatican.va

 

 


generalaudienz vom 15.05.2019


 

Liebe Brüder und Schwestern, heute befassen wir uns mit der letzten Bitte des Vaterunsers: „Erlöse uns von dem Bösen“. Die zweifache Bitte, dass Gott uns nicht der Versuchung überlassen und uns von dem Bösen retten soll, zeigt ein Wesensmerkmal des christlichen Betens: Jesus lehrt, die Anrufung des Vaters über alles zu stellen, auch und gerade in den Augenblicken, wenn wir die bedrohliche Anwesenheit des Bösen verspüren. Auch wenn der Glaubende sich beim himmlischen Vater geborgen weiß, ist er vor dem Bösen nicht gefeit. Es gibt das Geheimnis des Bösen, das der Mensch in der Natur, in der Geschichte, ja in seinem eigenen Herzen wahrnimmt. Die letzte Bitte des Vaterunsers greift die Erfahrung des Bösen auf: die Trauer der Menschen, das unschuldige Leiden, Unterdrückung, Ausbeutung und das Weinen der Kinder. Jesus selbst hat das Böse am eigenen Leib erfahren: im Tod am Kreuz, in der Verachtung, in Feindschaft und Grausamkeit. Der Herr zeigt uns, dass der Mensch, auch wenn er stets dem Bösen ausgesetzt ist, für das Leben und die Liebe bestimmt ist. Jesus hat am Kreuz seinen Feinden vergeben. Und Gott hat diese Hingabe seines Sohnes am Ende in Leben verwandelt. Das Gebet, das Jesus uns gelehrt hat, will auch uns diesen Weg des Lebens eröffnen.

 

 

Quelle: vatican.va

 

 


generalaudienz vom 08.05.2019


 

Liebe Brüder und Schwestern, gestern Abend bin ich von meiner Apostolischen Reise nach Bulgarien und Nordmazedonien zurückgekehrt. Bulgarien bildet in besonderer Weise eine Brücke zwischen Zentral-, Ost-, und Südeuropa, und so habe ich unter dem Motto „Pacem in terris“ alle eingeladen, auch weiterhin den Weg der Brüderlichkeit zu gehen. In diesem Zusammenhang war mir auch die Begegnung mit dem Patriarchen Neofit und den Mitgliedern des Heiligen Synods der bulgarisch-orthodoxen Kirche eine besondere Freude. In der Tat sind wir Christen berufen und gesandt, Zeichen und Werkzeug der Einheit zu sein, was uns gelingt, wenn wir uns im Heiligen Geist mehr auf das konzentrieren, was uns eint, als auf das, was uns auch heute noch voneinander trennt. Die Kirche in Nordmazedonien, der Heimat der heiligen Mutter Teresa, ist eine kleine, aber gastfreundliche Gemeinschaft, die auf die Gnade Christi vertraut, um ein Ort der Stärkung für viele Menschen zu sein. Seit jeher leben in diesem Land ganz verschiedene Bevölkerungsgruppen zusammen. Alle gemeinsam stehen sie vor der Herausforderung, sich neuen Horizonten zu öffnen, ohne dabei die eigenen Wurzeln zu verlieren. Daher war es für mich schön, gerade dort mit den jungen Menschen dieses Landes zusammenzutreffen und sie zu ermutigen, den großen Traum einer guten Zukunft gemeinsam und im Vertrauen auf Gott Wirklichkeit werden zu lassen.

 

 

 

Quelle: vatican.va

 

 


generalaudienz vom 01.05.2019


 

Liebe Brüder und Schwestern, in unseren Katechesen über das Vaterunser sind wir bei der vorletzten Bitte angelangt: »Und führe uns nicht in Versuchung« (Mt 6,13). Mit dieser Anrufung geht unser Dialog mit dem himmlischen Vater auf das Spannungsfeld zwischen unserer Freiheit und den Nachstellungen des Teufels ein. Die Aussage des griechischen Urtextes kann in den modernen Übersetzungen nur schwer in all seinen Facetten wiedergegeben werden. Eines ist jedoch klar: Gott ist niemals der Urheber der Versuchungen, denen der Mensch in seinem Leben begegnet. Vielmehr steht er uns im Kampf zur Seite, damit wir davon befreit werden. Die Prüfung und die Versuchung finden wir auch im Leben Jesu wieder: Unmittelbar nach der Taufe durch Johannes zieht sich Jesus in die Wüste zurück und wird vom Satan in Versuchung geführt. Aber der Herr weist jede Versuchung zurück und geht siegreich daraus hervor. Und in seiner Todesangst in Getsemani erfährt der Herr auf unaussprechliche Weise die Einsamkeit und die Verlassenheit. In Situationen der Prüfung ist es tröstlich zu wissen, dass Jesus dieses Tal der Tränen bereits durchschritten hat und es mit seiner gnadenreichen Gegenwart erfüllt. Der Herr verlässt uns nie.

 

 

 

Quelle: vatican.va

 

 


generalaudienz vom 24.04.2019


 

Liebe Brüder und Schwestern, heute wollen wir uns dem zweiten Teil der fünften Vaterunserbitte zuwenden: »wie auch wir vergeben unsern Schuldigern«. Im ersten Teil haben wir gesehen, dass wir alles Gott verdanken und immer seine Schuldner sind. Wer betet, lernt Danke zu sagen. Die Beziehung Gottes zu uns muss aber zu einer neuen Beziehung werden, die wir mit unseren Brüdern und Schwestern leben. So verbindet Jesus beide Teile der Bitte mit einem schonungslosen „wie“. Die Gnade Gottes ist uns reich geschenkt und zugleich verpflichtet sie uns: Wer viel empfängt, muss lernen, viel zu geben. So ist diese Bitte des Vaterunsers eine enge Verbindung von Gottes- und Nächstenliebe. Liebe ruft nach Liebe, Vergebung ruft nach Vergebung. Dies sehen wir deutlich, wenn Matthäus direkt im Anschluss an das Vaterunser von der brüderlichen Vergebung spricht und dies später in einem Gleichnis weiter ausführt. Jesus hebt in den menschlichen Beziehungen die Kraft der Vergebung hervor. Im Leben lässt sich nicht alles mit Gerechtigkeit lösen. Wo das Böse eingedämmt werden muss, ist einer gefordert, über Gebühr zu lieben, um eine Geschichte der Gnade neu zu beginnen. An die Stelle des Gesetzes der Vergeltung – „Wie du mir, so ich dir“ – setzt Jesus das Gesetz der Liebe: Was Gott mir getan hat, das erwidere ich dir. Wir müssen seine Vergebung weiterschenken.

 

 

 

Quelle: vatican.va

 

 


generalaudienz vom 17.04.2019


 

Liebe Brüder und Schwestern,

guten Tag!

 

In diesen Wochen denken wir über das »Vaterunser« nach. Jetzt, am Vortag des Ostertriduums, wollen wir bei einigen Worten verweilen, mit denen Jesus während seiner Passion zum Vater gebetet hat. Die erste Anrufung findet nach dem Letzten Abendmahl statt. Der Herr »erhob seine Augen zum Himmel und sagte: Vater, die Stunde ist gekommen: Verherrliche deinen Sohn.« Und dann: »Verherrliche du mich, Vater, bei dir mit der Herrlichkeit, die ich bei dir hatte, bevor die Welt war!«

 

(Joh 17,1.5). Jesus bittet um die Herrlichkeit – eine Bitte, die paradox erscheint, während das Leiden vor der Tür steht. Um welche Herrlichkeit handelt es sich? In der Bibel verweist die Herrlichkeit auf die Offenbarung Gottes. Sie ist das Merkmal seiner heilbringenden Gegenwart unter den Menschen. Jesus ist jener, der die Gegenwart und das Heil Gottes endgültig offenbart. Und er tut dies am Paschafest: Am Kreuz erhöht wird er verherrlicht (vgl. Joh 12,23-33). Dort offenbart Gott endlich seine Herrlichkeit: Er nimmt den letzten Schleier hinweg und erstaunt uns wie nie zuvor. Denn wir entdecken, dass die Herrlichkeit Gottes nur die Liebe ist: reine, irrsinnige und undenkbare Liebe, die jede Grenze und jedes Maß übersteigt.

 

Brüder und Schwestern, machen wir uns das Gebet Jesu zu eigen: Bitten wir den Vater, die Schleier von unseren Augen zu nehmen, damit wir in diesen Tagen, wenn wir auf das Kreuz blicken, erfassen können, dass Gott Liebe ist. Wie oft stellen wir ihn uns als Herrscher vor und nicht als Vater, wie oft denken wir an ihn als strengen Richter statt als barmherzigen Retter! Aber am Paschafest löscht Gott die Distanzen aus und zeigt sich in der Demut einer Liebe, die nach unserer Liebe verlangt. Wir verherrlichen ihn also, wenn wir all das leben, was wir mit Liebe tun, wenn wir alles von Herzen tun, gleichsam für ihn (vgl. Kol 3,17). Die wahre Herrlichkeit ist die Herrlichkeit der Liebe, denn sie ist die einzige, die der Welt Leben schenkt. Gewiss, diese Herrlichkeit ist das Gegenteil der weltlichen Herrlichkeit, die dann kommt, wenn man bewundert wird, gelobt wird, bejubelt wird: Wenn »ich« im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehe. Die Herrlichkeit Gottes dagegen ist paradox: kein Beifall, keine Zuhörerschaft. Im Mittelpunkt steht nicht das Ich, sondern der andere: Denn am Paschafest sehen wir, dass der Vater den Sohn verherrlicht, während der Sohn den Vater verherrlicht. Niemand verherrlicht sich selbst. Wir können uns heute fragen: »Für welche Herrlichkeit lebe ich? Für meine oder für Gottes Herrlichkeit? Möchte ich nur von den anderen etwas empfangen oder auch den anderen etwas geben?«

 

Nach dem Letzten Abendmahl tritt Jesus in den Garten Getsemani ein; auch hier betet er zum Vater. Während es den Jüngern nicht gelingt, wach zu bleiben, und Judas mit den Soldaten ankommt, ergreift Jesus »Furcht und Angst«. Er spürt die ganze Angst vor dem, was ihn erwartet: Verrat, Verachtung, Leiden, Scheitern. Er ist »betrübt«, und dort, im Abgrund, in jener Trostlosigkeit, richtet er an den Vater das zärtlichste und sanfteste Wort: »Abba«, also Papa (vgl. Mk 14,33-36). In der Prüfung lehrt Jesus uns, den Vater zu umarmen, denn im Gebet zu ihm liegt die Kraft, im Schmerz voranzugehen. In der Mühe ist das Gebet Erleichterung, Vertrauen, Trost. Von allen verlassen, in der inneren Trostlosigkeit ist Jesus nicht allein, er ist beim Vater. Wir dagegen bleiben in unseren Getsemani oft lieber allein, statt »Vater« zu sagen und uns ihm anzuvertrauen, wie Jesus uns seinem Willen anzuvertrauen, der unser wahres Wohl ist.

 

Wenn wir in der Prüfung jedoch in uns selbst verschlossen bleiben, dann graben wir in unserem Innern einen Tunnel, einen schmerzhaften entgegengesetzten Weg, der nur in eine einzige Richtung führt: immer tiefer in uns hinein. Das größte Problem ist nicht der Schmerz, sondern wie man ihm begegnet. Die Einsamkeit bietet keine Auswege; das Gebet ja, denn es ist Beziehung, ist Vertrauen. Jesus vertraut alles und vertraut sich selbst dem Vater an und bringt ihm das, was er spürt, und stützt sich im Kampf auf ihn.

 

Wenn wir in unsere Getsemani eintreten – jeder von uns hat die eigenen Getsemani oder hatte sie oder wird sie haben –, müssen wir uns daran erinnern: Wenn wir eintreten, wenn wir in unseren Getsemani eintreten, dann müssen wir uns daran erinnern, so zu beten: »Vater«. Schließlich richtet Jesus ein drittes Gebet an den Vater, für uns: »Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!« (Lk 23,24). Jesus betet für jene, die böse zu ihm gewesen sind, für seine Mörder. Das Evangelium macht deutlich, dass dieses Gebet im Augenblick der Kreuzigung stattfindet.

 

Es war wahrscheinlich der Augenblick des schlimmsten Schmerzes, als Jesus die Nägel in Handgelenke und Füße geschlagen wurden. Hier, am Höhepunkt des Schmerzes, gelangt er zur höchsten Liebe: Es kommt die Vergebung, also die Hingabe an die höchste Macht, die den Kreislauf des Bösen durchbricht. Liebe Brüder und Schwestern, wenn wir in diesen Tagen das »Vaterunser beten«, dann können wir um eine dieser Gnaden bitten: unsere Tage für die Herrlichkeit Gottes zu leben, also mit Liebe zu leben; uns in den Prüfungen dem Vater anzuvertrauen zu wissen und zum Vater »Papa« zu sagen und in der Begegnung mit dem Vater die Vergebung und den Mut zu finden zu vergeben. Beide Dinge gehören zusammen. Der Vater vergibt uns, aber er schenkt uns den Mut, vergeben zu können. 

 

Quelle: vatican.va

 

 


generalaudienz vom 10.04.2019


 

Liebe Brüder und Schwestern,

guten Tag!

 

Der Tag ist nicht besonders schön, aber trotzdem guten Tag! Nachdem wir Gott um das tägliche Brot gebeten haben, tritt das »Vaterunser« in den Bereich unserer Beziehungen zu den anderen ein. Und Jesus lehrt uns, den Vater zu bitten: »Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern« (vgl. Mt 6,12). So wie wir das Brot brauchen, so brauchen wir auch die Vergebung. Und das jeden Tag.

 

Der Christ, der betet, bittet vor allem Gott, dass ihm seine Schulden, also seine Sünden, die schlechten Dinge, die er tut, erlassen werden mögen. Das ist die erste Wahrheit eines jeden Gebets: Selbst wenn wir vollkommene Menschen wären, selbst wenn wir kristallklare Heilige wären, die nicht von einem guten Leben abweichen, so bleiben wir Kinder, die dem Vater alles verdanken.

 

Was ist die gefährlichste Haltung jedes christlichen Lebens? Es ist der Stolz. Es ist die Haltung dessen, der sich vor Gott stellt und meint, mit ihm immer im Reinen zu sein: Der Stolze glaubt, dass bei ihm alles in Ordnung sei. Wie jener Pharisäer aus dem Gleichnis, der im Tempel zu beten meint, in Wirklichkeit aber sich selbst vor Gott lobt: »Ich danke dir, Herr, dass ich nicht bin wie die anderen.« Es sind die Menschen, die sich vollkommen fühlen, die Menschen, die andere kritisieren, es sind stolze Menschen. Keiner von uns ist vollkommen, keiner.

 

Der Zöllner dagegen, der hinten im Tempel stand, ein von allen verachteter Sünder, macht auf der Schwelle des Tempels halt, fühlt sich nicht würdig einzutreten und vertraut sich der Barmherzigkeit Gottes an. Und Jesus kommentiert: »Dieser ging gerechtfertigt nach Hause zurück, der andere nicht« (Lk 18,14). Ihm wurde also vergeben, er war gerettet. Warum? Weil er nicht stolz war, weil er seine Grenzen und seine Sünden anerkannte. Es gibt Sünden, die man sieht, und Sünden, die man nicht sieht. Es gibt eklatante Sünden, die Aufsehen erregen, aber es gibt auch heimliche Sünden, die sich im Herzen einnisten, ohne dass wir es überhaupt merken. Die schlimmste von ihnen ist der Hochmut, der auch jene Menschen anstecken kann, die ein tiefreligiöses Leben führen.

 

Es gab einmal ein Kloster von Ordensschwestern, in den Jahren zwischen 1600 und 1700, es war berühmt, zur Zeit des Jansenismus: Sie waren ganz perfekt, und man sagte von ihnen, sie seien rein wie Engel, aber hochmütig wie Dämonen. Das ist etwas Schlimmes. Die Sünde spaltet die Brüderlichkeit, durch die Sünde maßen wir uns an, besser zu sein als die anderen, die Sünde lässt uns glauben, dass wir Gott ähnlich seien.

 

Wir sind jedoch vor Gott alle Sünder und haben Grund, uns an die Brust zu schlagen – alle! – wie jener Zöllner im Tempel. Der heilige Johannes schreibt in seinem Ersten Brief: »Wenn wir sagen, dass wir keine Sünde haben, führen wir uns selbst in die Irre, und die Wahrheit ist nicht in uns« (1 Joh 1,8). Wenn du dich selbst in die Irre führen willst, dann sag, dass du keine Sünde hast: So führst du dich in die Irre.

 

Wir sind vor allem deshalb Schuldner, weil wir in diesem Leben viel empfangen haben: die Existenz, einen Vater und eine Mutter, die Freundschaft, die Wunder der Schöpfung… Auch wenn jeder einmal schwere Tage durchmacht, müssen wir stets daran denken, dass das Leben eine Gnade ist, dass es das Wunder ist, das Gott aus dem Nichts hervorgebracht hat.

 

Zweitens sind wir Schuldner, weil keiner von uns, auch wenn wir lieben können, es aus eigenen Kräften tun kann. Wahre Liebe ist, wenn wir lieben können, aber mit der Gnade Gottes. Keiner von uns erstrahlt im eigenen Licht. Es gibt das, was die antiken Theologen als »mysterium lunae« bezeichnet haben, nicht nur in der Identität der Kirche, sondern auch in der Geschichte eines jeden von uns. Was bedeutet es, dieses »mysterium lunae«? Dass es wie der Mond ist, der kein eigenes Licht hat: Er reflektiert das Sonnenlicht. Auch wir haben kein eigenes Licht: Das Licht, das wir haben, ist ein Widerschein von Gottes Gnade, von Gottes Licht. Wenn du liebst, dann darum, weil jemand außerhalb von dir dich angelächelt hat, als du ein Kind warst, und dich gelehrt hat, mit einem Lächeln zu antworten. Wenn du liebst, dann darum, weil jemand neben dir dich zur Liebe erweckt hat und dich hat verstehen lassen, dass darin der Sinn des Lebens besteht.

 

Versuchen wir, die Geschichte irgendeines Menschen anzuhören, der einen Fehler gemacht hat: ein Inhaftierter, ein Verurteilter, ein Drogenabhängiger… Wir kennen viele Menschen, die im Leben Fehler machen. Abgesehen von der Verantwortung, die immer persönlich ist, fragst du dich manchmal, wem man die Schuld an seinen Fehlern geben soll, ob nur seinem Gewissen oder der Geschichte von Hass und Verlassenheit, die manch einer mit sich trägt.

 

Und das ist das Geheimnis des Mondes: Wir lieben vor allem, weil wir geliebt wurden, wir vergeben, weil uns vergeben wurde. Und wenn jemand nicht vom Licht der Sonne erleuchtet wurde, dann wird er eiskalt wie der Boden im Winter. Wie sollte man in der Kette der Liebe, die uns vorausgeht, nicht auch die vorsorgende Gegenwart der Liebe Gottes erkennen? Keiner von uns liebt Gott so sehr wie er uns geliebt hat. Es genügt, sich vor ein Kruzifix zu stellen, um das Missverhältnis zu erfassen: Er hat uns geliebt, und er liebt uns immer als Erster. Beten wir also: Herr, auch der Heiligste unter uns möge nicht aufhören, dein Schuldner zu sein. O Vater, hab Erbarmen mit uns allen! 

 

Quelle: vatican.va

 

 


generalaudienz vom 03.04.2019


 

Liebe Brüder und Schwestern,

guten Tag!

 

Am vergangenen Samstag und Sonntag habe ich eine Apostolische Reise nach Marokko unternommen, auf Einladung seiner Majestät König Mohammeds VI. Ihm sowie den anderen Autoritäten bringe ich erneut meinen Dank zum Ausdruck für den herzlichen Empfang und für die ganze Zusammenarbeit, vor allem dem König: Er war sehr brüderlich, sehr freundschaftlich, sehr nahe.

 

Ich danke vor allem dem Herrn, der mir gestattet hat, einen weiteren Schritt zu gehen auf dem Weg des Dialogs und der Begegnung mit den   muslimischen Brüdern und Schwestern, um – wie das Motto meiner Reise lautete – »Diener der Hoffnung« in der heutigen Welt zu sein. Meine Reise folgte den Spuren von zwei Heiligen: des heiligen Franziskus von Assisi und des heiligen Johannes Paul II. Vor 800 Jahren brachte Franziskus die Botschaft des Friedens und der Brüderlichkeit zum Sultan al-Malik al-Kamil; 1985 führte Papst Johannes Paul II. seine denkwürdige Reise nach Marokko durch, nachdem er – als erstes Oberhaupt eines muslimischen Staates – König Hassan II. empfangen hatte. Man könnte sich jedoch fragen: Warum geht der Papst zu den Muslimen und nicht nur zu den Katholiken? Weil es viele Religionen gibt. Und warum gibt es viele Religionen? Zusammen mit den Muslimen stammen wir vom selben Vater ab, Abraham: Warum lässt Gott es zu, dass es viele Religionen gibt? Gott wollte es zulassen: Die Theologen der Scholastik sprachen von der »voluntas permissiva« Gottes.

 

Er wollte diese Wirklichkeit zulassen: Es gibt viele Religionen. Einige entstehen aus der Kultur heraus, aber immer schauen sie zum Himmel, schauen sie auf Gott. Aber Gott will die Brüderlichkeit unter uns und in besonderer Weise – hier liegt der Grund für diese Reise – mit unseren Brüdern, die wie wir Kinder Abrahams sind, den Muslimen. Wir dürfen nicht erschrecken vor dem Unterschied: Gott hat es zugelassen. Wir müssen erschrecken, wenn wir nicht in Brüderlichkeit handeln, um gemeinsam durchs Leben zu gehen.

 

Der Hoffnung dienen, in einer Zeit wie der unseren, bedeutet vor allem, zwischen den Kulturen Brücken zu bauen. Und für mich war es eine Freude und eine Ehre, es mit dem edlen Königreich Marokko tun zu können, indem ich seinem Volk und seinen Regierenden begegnet bin. Im Gedenken an einige wichtige internationale Gipfeltreffen, die in den vergangenen Jahren in jenem Land abgehalten wurden, habe ich gemeinsam mit König Mohammed VI. die wichtige Rolle der Religionen in Bezug auf die Verteidigung der Menschenwürde, auf die Förderung von Frieden und Gerechtigkeit sowie auf die Bewahrung der Schöpfung, also unseres gemeinsamen Hauses, hervorgehoben. Aus dieser Perspektive heraus habe ich gemeinsam mit dem König auch einen Appell zu Jerusalem unterzeichnet, die Heilige Stadt als gemeinsames Erbe der Menschheit und als Ort der friedlichen Begegnung, vor allem für die Gläubigen der drei monotheistischen Religionen, zu bewahren.

 

Ich habe das Mausoleum von Mohammed V. besucht und dort seinem Gedächtnis und dem Hassans II. die Ehre erwiesen, ebenso wie das Institut für die Ausbildung von Imamen, Predigern und Predigerinnen. Dieses Institut fördert einen Islam, der respektvoll ist gegenüber den anderen Religionen und Gewalt und Fundamentalismus ablehnt, also hervorhebt, dass wir alle Brüder sind und uns für die Brüderlichkeit einsetzen müssen.

 

Besondere Aufmerksamkeit habe ich der Migrationsfrage gewidmet, sowohl in meiner Ansprache an die Autoritäten als auch vor allem in der Begegnung, die speziell den Migranten gewidmet war. Einige von ihnen haben bezeugt, dass das Leben dessen, der auswandert, sich verändert und dann beginnt, wieder menschlich zu werden, wenn er eine Gemeinschaft findet, die ihn als Person annimmt. Das ist grundlegend. In Marrakesch, in Marokko, wurde im vergangenen Dezember auch der »Globale Pakt für eine sichere, geordnete und reguläre Migration« unterzeichnet: ein wichtiger Schritt zur Verantwortungsübernahme seitens der Internationalen Gemeinschaft. Als Heiliger Stuhl haben wir unseren Beitrag geleistet, der sich in vier Verben zusammenfassen lässt: die Migranten aufnehmen, die Migranten schützen, die Migranten fördern und die Migranten integrieren. Es geht nicht darum, von oben her Hilfsprogramme zu verordnen, sondern gemeinsam einen Weg zurückzulegen durch diese vier Vorgehensweisen, um Städte und Länder aufzubauen, die zwar die jeweilige kulturelle und religiöse Identität bewahren, aber offen sind für Unterschiede und es verstehen, diese im Zeichen der menschlichen Brüderlichkeit wertzuschätzen. Die Kirche in Marokko ist sehr bemüht um die Nähe zu den Migranten. Ich sage nicht gern »Migranten «; ich sage lieber »migrierende Personen«.

 

Wisst ihr, warum? Weil »Migrant« ein Adjektiv ist, während der Begriff »Person« ein Substantiv ist. [Anm. d. Red.: Das italienische Wort »migrante« kommt vom Verb »migrare« und kann entweder in substantivierter Form [der Migrant] oder in adjektivierter Form [migrierend] gebraucht werden. Das deutsche Wort »Migrant« hat keine adjektivische Bedeutung; daher kann dieser Sachverhalt im Deutschen nicht in dieser Form wiedergegeben werden]. Wir sind in die Kultur des Adjektivs geraten: Wir benutzen viele Adjektive und vergessen oft die Substantive, also die Substanz. Das Adjektiv muss immer mit einem Substantiv verbunden werden; also eine »migrierende Person«. Das ist respektvoll, und man gerät nicht in jene Kultur des Adjektivs, die zu flüchtig, zu »gasförmig« ist. Die Kirche in Marokko, so habe ich gesagt, ist sehr bemüht um die Nähe zu den migrierenden Personen, und daher wollte ich jenen danken und sie ermutigen, die sich großherzig dem Dienst an ihnen verschreiben und das Wort Christi verwirklichen: »Ich war fremd und ihr habt mich aufgenommen« (Mt 25,35).

 

Der Sonntag war der christlichen Gemeinde gewidmet. Zunächst habe ich das ländliche Sozialzentrum besucht, das von Ordensschwestern, den Töchtern der christlichen Liebe, geführt wird – denselben, die hier in »Santa Marta« die Arzneimittelausgabe und das Ambulatorium für Kinder unterhalten. Und diese Schwestern arbeiten zusammen mit zahlreichen ehrenamtlichen Helfern und bieten der Bevölkerung verschiedene Dienste an.

 

In der Kathedrale von Rabat hatte ich eine Begegnung mit den Priestern, den Personen des geweihten Lebens und dem Ökumenischen Kirchenrat. Es ist eine kleine Herde in Marokko, und daher habe ich die Bilder vom Salz, vom Licht und vom Sauerteil aus dem Evangelium (vgl. Mt 5,13- 16; 13,33) in Erinnerung gerufen, die wir zu Beginn dieser Audienz gelesen haben. Was zählt, ist nicht die Quantität, sondern dass das Salz Geschmack hat, das Licht leuchtet und dass der Sauerteig die Kraft hat, den ganzen Teig zu durchsäuern. Und das kommt nicht von uns, sondern von Gott, vom Heiligen Geist, der uns dort zu Zeugen Christi macht, wo wir sind, in einem Stil des Dialogs und der Freundschaft, der vor allem unter uns Christen gelebt werden muss, denn – so sagt Jesus – »daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid: wenn ihr einander liebt« (Joh 13,35).

 

Und die Freude der kirchlichen Gemeinschaft hat seine Grundlage und seinen vollen Ausdruck in der sonntäglichen Eucharistie gefunden, die in einer Sportanlage der Hauptstadt gefeiert wurde. Tausende von Menschen aus etwa 60 verschiedenen Nationen! Eine einzigartige Erscheinung des Gottesvolkes mitten in einem islamischen Land. Das Gleichnis vom barmherzigen Vater hat unter uns die Schönheit des Planes Gottes erglänzen lassen, der will, dass alle seine Kinder teilhaben an seiner Freude, am Fest der Vergebung und der Versöhnung. Zu diesem Fest erhalten jene Zutritt, die erkennen, dass sie die Barmherzigkeit des Vaters brauchen, und die sich mit ihm freuen können, wenn ein Bruder oder eine Schwester nach Hause zurückkehrt. Es ist kein Zufall, dass dort, wo die Muslime jeden Tag den Erbarmenden und den Gütigen anrufen, das große Gleichnis von der Barmherzigkeit des Vaters zu hören war. So ist es: Nur wer neu geboren ist und in der Umarmung dieses Vaters lebt, nur jene, die sich als Brüder fühlen, können in der Welt Diener der Hoffnung sein. 

 

Quelle: vatican.va

 

 


generalaudienz vom 27.03.2019


 

Liebe Brüder und Schwestern,

guten Tag!

 

Wir gehen heute dazu über, den zweiten Teil des »Vaterunsers« zu untersuchen: den Teil, in dem wir Gott unsere Bedürfnisse vortragen. Dieser zweite Teil beginnt mit einem Wort, dem der Geruch des Alltags anhaftet: das Brot. Das Gebet Jesu beginnt mit einer dringenden Bitte, die dem Flehen eines Bettlers ähnelt: »Gib uns das tägliche Brot!« Diese Bitte entspringt einer Selbstverständlichkeit, die wir oft vergessen: dass wir keine autonomen Geschöpfe sind und dass wir uns jeden Tag ernähren müssen.

 

Die Heilige Schrift zeigt uns, dass die Begegnung mit Jesus für viele Menschen von einer Bitte ausgegangen ist. Jesus verlangt keine raffinierten Anrufungen, sondern das ganze menschliche Leben, mit seinen ganz konkreten und alltäglichen Problemen kann zum Gebet werden. In den Evangelien finden wir eine Menge von Bettlern, die um Befreiung und Heil flehen. Der eine bittet um Brot, der andere um Heilung; einige um Reinigung, andere um das Augenlicht oder darum, dass ein Mensch wieder zum Leben erweckt werden möge… Jesus geht an diesen Bitten und an diesem Schmerz nie gleichgültig vorüber. Jesus lehrt uns also, den Vater um das tägliche Brot zu bitten. Und er lehrt uns, es zusammen mit vielen Männern und Frauen zu tun, für die diese Bitte ein Schrei ist – der oft nicht zum Ausbruch kommt –, der die Sorge eines jeden Tages begleitet.

 

Wie viele Mütter und wie viele Väter gehen auch heute noch mit der quälenden Sorge schlafen, am nächsten Tag nicht genügend Brot für die eigenen Kinder zu haben! Stellen wir uns dieses Gebet nicht in der Sicherheit einer bequemen Wohnung gesprochen vor, sondern in der Unsicherheit eines Zimmers, in dem man sich arrangiert, wo es am Lebensnotwendigen mangelt Die Worte Jesu bekommen eine neue Kraft.

 

Das christliche Gebet beginnt auf dieser Ebene. Es ist keine Übung für Asketen; es geht von der Wirklichkeit aus, vom Herzen und vom Fleisch der Menschen, die in der Not leben oder die die Lebensumstände jener teilen, denen das Lebensnotwendige fehlt. Nicht einmal die höchsten christlichen Mystiker können von der Einfachheit dieser Bitte absehen: »Vater, gib, dass für uns und für alle heute das tägliche Brot da ist.« Und »Brot« steht auch für Wasser, Medizin, ein Zuhause, Arbeit… Um das Lebensnotwendige bitten.

 

Das Brot, um das der Christ im Gebet bittet, ist nicht »mein«, sondern »unser« Brot. So will Jesus es. Er lehrt uns, nicht nur für uns selbst darum zu bitten, sondern für alle Brüder und Schwester auf der Welt. Wenn man nicht auf diese Weise bittet, dann hört das »Vaterunser« auf, ein christliches Gebet zu sein. Wenn Gott unser Vater ist, wie können wir dann vor ihn treten, ohne einander bei der Hand zu nehmen? Wir alle. Und wenn wir das Brot, das er uns gibt, einander rauben, wie können wir uns dann als seine Kinder bezeichnen?

 

Dieses Gebet enthält eine Haltung der Empathie, eine Haltung der Solidarität. In meinem Hunger spüre ich den Hunger der Menge, und daher werde ich Gott so lange bitten, bis ihre Bitte erhört wird. So erzieht Jesus seine Gemeinschaft,  seine Kirche, die Nöte aller vor Gott zu bringen: »Wir sind alle deine Kinder, Vater, hab Erbarmen mit uns!« Und jetzt wird es uns guttun, etwas innezuhalten und an die hungernden Kinder zu denken. Denken wir an die Kinder, die sich in Kriegsgebieten befinden: an die hungernden Kinder im Jemen, an die hungernden Kinder in Syrien, an die hungernden Kinder in vielen Ländern, in denen es kein Brot gibt, im Südsudan. Denken wir an diese Kinder, und indem wir an sie denken, sprechen wir alle gemeinsam mit lauter Stimme das Gebet: »Vater, das tägliche Brot gib uns heute.« Alle gemeinsam.

 

Das Brot, um das wir den Herrn im Gebet bitten, ist dasselbe, das uns eines Tages anklagen wird. Es wird uns die mangelnde Gewohnheit vorwerfen, es mit denen zu brechen, die uns nahe sind, die mangelnde Gewohnheit, es zu teilen. Es war ein Brot, das der Menschheit zugeteilt war, und es wurde stattdessen nur von wenigen gegessen: Die Liebe kann das nicht ertragen; nicht einmal die Liebe Gottes kann den Egoismus ertragen, das Brot nicht zu teilen.

 

Einmal stand eine große Menschenmenge vor Jesus; es waren Menschen, die Hunger hatten. Jesus fragte, ob jemand etwas hätte, und es fand sich nur ein Junge, der bereit war, seinen Proviant zu teilen: fünf Brote und zwei Fische. Jesus vervielfältigte diese großherzige Geste (vgl. Joh 6,9). Jener Junge hatte die Lektion des »Vaterunsers« verstanden: dass Nahrung kein Privatbesitz ist – behalten wir das im Gedächtnis: Nahrung ist kein Privatbesitz –, sondern eine Vorsehung, die mit anderen geteilt werden muss, durch die Gnade Gottes.

 

Das wahre Wunder, das Jesus an jenem Tag vollbracht hat, ist nicht so sehr die Vermehrung – die wahr ist –, sondern das Teilen: Gebt das, was ihr habt, und ich werde das Wunder vollbringen. Er selbst hat durch die Vermehrung jenes dargebotenen Brotes seine Selbsthingabe im eucharistischen Brot vorausgenommen. Denn nur die Eucharistie ist in der Lage, den Hunger nach der Unendlichkeit und die Sehnsucht nach Gott zu stillen, die jeden Menschen beseelt, auch in der Suche nach dem täglichen Brot.

 

Liebe Brüder und Schwestern!

 

Heute haben wir die Freude, jemanden bei uns zu haben, den ich euch eigens vorstellen möchte. Es ist Schwester Maria Concetta Esu von der Kongregation der »Figlie di San Giuseppe di Genoni«. Und warum tue ich das? Schwester Maria Concetta ist 85 Jahre alt. Seit fast 60 Jahren ist sie Missionarin in Afrika, wo sie ihren Dienst als Hebamme ausübt. Ein Applaus bitte! Ich habe sie in Bangui kennengelernt, wohin ich mich begeben habe, um das Jubiläum der Barmherzigkeit zu eröffnen…. Sie hat mir erzählt, dass sie in ihrem Leben Tausenden von Kindern bei der Geburt geholfen hat. Wie wunderbar! Auch an jenem Tag war sie im Kanu aus dem Kongo gekommen – mit 85 Jahren –, um in Bangui einzukaufen. In diesen Tagen ist sie nach Rom gekommen für eine Begegnung mit ihren Schwestern, und heute ist sie mit ihrer Oberin zur Audienz gekommen. Daher wollte ich diese Gelegenheit wahrnehmen, ihr ein Zeichen der Anerkennung zu geben und ihr von Herzen zu danken für ihr Zeugnis!

 

Liebe Schwester, in meinem Namen und im Namen der Kirche gebe ich dir eine Auszeichnung. Es ist ein Zeichen unserer Zuneigung und unseres Dankes für all die Arbeit, die du inmitten der afrikanischen Brüder und Schwestern vollbracht hast, im Dienst am Leben, an den Kindern, an den Müttern und an den Familien. Durch diese dir gewidmete Geste möchte ich auch allen Missionaren und Missionarinnen, Priestern, Ordensleuten und Laien, die den Samen des Reiches Gottes in allen Teilen der Welt aussäen, meine Dankbarkeit zum Ausdruck bringen. Eure Arbeit, liebe Missionare und Missionarinnen, ist großartig. Ihr gebt das Leben dafür hin, das Wort Gottes durch euer Zeugnis zu säen… Und in dieser Welt macht ihr keine Schlagzeilen. Über euch wird nicht in den Zeitungen berichtet.

 

Kardinal Hummes, der Beauftragte des brasilianischen Episkopats für ganz Amazonien, geht oft die Städte und Dörfer im Amazonasgebiet besuchen. Und immer, wenn er dort ankommt – er hat es mir selbst erzählt – geht er zum Friedhof und besucht die Gräber der Missionare; viele sind jung gestorben an Krankheiten, gegen die sie keine Antikörper haben. Und er hat zu mir gesagt: »Sie alle haben es verdient, heiliggesprochen zu werden «, weil sie ihr Leben im Dienst hingegeben haben.

 

Liebe Brüder und Schwestern, Schwester Maria Concetta wird nach dieser Aufgabe in diesen Tagen nach Afrika zurückkehren. Begleiten wir sie mit dem Gebet. Und ihr Vorbild möge uns allen helfen, das Evangelium dort zu leben, wo wir sind. Danke, Schwester! Der Herr segne dich und die Gottesmutter schütze dich. 

 

Quelle: vatican.va

 

 


generalaudienz vom 20.03.2019


 

Liebe Brüder und Schwestern,

guten Tag!

 

Wir setzen unsere Katechesen über das »Vaterunser« fort und verweilen heute bei der dritten Bitte: »Dein Wille geschehe.« Sie muss als Einheit mit den ersten beiden Bitten – »geheiligt werde dein Name« und »dein Reich komme« – gelesen werden, damit das Ganze ein Triptychon bildet: »geheiligt werde dein Name«, »dein Reich komme«, »dein Wille geschehe«. Heute sprechen wir über die dritte Bitte.

 

Vor der Sorge für die Welt von Seiten des Menschen steht die unermüdliche Sorge, die Gott dem Menschen und der Welt entgegenbringt. Das ganze Evangelium spiegelt diesen Perspektivwechsel wider. Der Sünder Zachäus steigt auf einen Baum, weil er Jesus sehen will, weiß aber nicht, dass Gott sich schon viel früher auf die Suche nach ihm gemacht hat. Als Jesus ankommt, sagt er zu ihm: »Zachäus, komm schnell herunter! Denn ich muss heute in deinem Haus bleiben.« Und am Ende erklärt er: »Denn der Menschensohn ist gekommen, um zu suchen und zu retten, was verloren ist« (Lk 19,5.10). Das ist der Wille Gottes, um den wir bitten, dass er geschehen möge. Was ist der Wille Gottes, der in Jesus Mensch geworden ist? Zu suchen und retten, was verloren ist. Und wir bitten im Gebet, dass Gottes Suche gut ausgeht, dass sein universaler Heilsplan erfüllt werde – zunächst in einem jeden von uns und dann in der ganzen Welt. Habt ihr einmal darüber nachgedacht, was es bedeutet, dass Gott auf der Suche nach mir ist? Jeder von uns kann sagen: »Ja, sucht Gott mich denn?« – »Ja! Er sucht dich! Er sucht mich«: Er sucht jeden, persönlich. Gott ist großartig! Wie viel Liebe steckt hinter alledem.

 

Gott ist nicht mehrdeutig, er versteckt sich nicht hinter Rätseln, er hat die Zukunft der Welt nicht auf unergründliche Weise geplant. Nein, er ist klar. Wenn wir das nicht verstehen, dann laufen wir Gefahr, den Sinn der dritten Bitte des »Vaterunsers« nicht zu verstehen. Denn die Bibel ist voller Worte, die uns vom positiven Willen Gottes gegenüber der Welt berichten. Und im Katechismus der Katholischen Kirche finden wir eine Sammlung von Zitaten, die diesen treuen und geduldigen göttlichen Willen bezeugen (vgl. Nr. 2821-2827). Und der heilige Paulus schreibt im Ersten Brief an Timotheus: Gott »will, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen« (2,4). Das ist ohne jeden Zweifel der Wille Gottes: das Heil des Menschen, der Menschen, eines jeden von uns. Gott klopft mit seiner Liebe an die Tür unseres Herzens. Warum? Um uns anzuziehen: um uns zu sich zu ziehen und uns auf dem Weg des Heils voranzubringen. Gott ist einem jeden von uns nahe mit seiner Liebe, um uns an der Hand zum Heil zu führen. Wie viel Liebe steckt dahinter!

 

Wenn wir also beten: »Dein Wille geschehe«, dann sind wir nicht aufgefordert, unterwürfig das Haupt zu beugen, so als wären wir Sklaven. Nein! Gott will, dass wir frei sind; seine Liebe macht uns frei. Denn das »Vater unser« ist das Gebet der Kinder, nicht der Sklaven; sondern der Kinder, die das Herz ihres Vaters kennen und sich seines Liebesplans bewusst sind. Wehe uns, wenn wir diese Worte sprechen und dabei mit den Achseln zucken als Zeichen der Ergebenheit in ein Schicksal, das uns widerstrebt, das wir jedoch nicht ändern können. Im Gegenteil: Es ist ein Gebet voll brennender Hoffnung auf Gott, der für uns das Gute, das Leben, das Heil will. Ein mutiges, ja sogar kämpferisches Gebet, weil es in der Welt viele, zu viele Wirklichkeiten gibt, die nicht dem Plan Gottes entsprechen. Wir alle kennen sie. Frei nach dem Propheten Jesaja könnten wir sagen: »Hier, Vater, ist der Krieg, der Machtmiss brauch, die Ausbeutung. Wir aber wissen, dass du unser Wohl willst, daher bitten wir dich: Dein Wille geschehe! Herr, kehre die Pläne der Welt um, schmiede die Schwerter zu Pflugscharen um und die Lanzen zu Winzermessern, dass niemand mehr den Krieg erlerne!« (vgl. 2,4). Gott will den Frieden.

 

Das »Vaterunser« ist ein Gebet, das in uns die Liebe Jesu zum Willen des Vaters entzündet: eine Flamme, die uns drängt, die Welt durch die Liebe zu verwandeln. Der Christ glaubt nicht an ein unabänderliches »Schicksal«. Es gibt nichts Zufälliges im Glauben der Christen: Vielmehr gibt es ein Heil, das darauf wartet, im Leben jedes Mannes und jeder Frau zum Ausdruck zu kommen und sich in der Ewigkeit zu erfüllen. Wir beten, weil wir glauben, dass Gott die Wirklichkeit verwandeln kann und will, indem er das Böse durch das Gute überwindet. Es hat einen Sinn, diesem Gott zu gehorchen und sich auf ihn zu verlassen, auch in der Stunde der schwersten Prüfung.

 

So war es für Jesus im Garten Getsemani, als er die Bedrängnis erfahren und gebetet hat: »Vater, wenn du willst, nimm diesen Kelch von mir! Aber nicht mein, sondern dein Wille soll geschehen« (Lk 22,42). Jesus ist vom Bösen der Welt bedrängt, aber er verlässt sich vertrauensvoll auf den Ozean des liebenden Willens des Vaters. Auch die Märtyrer haben in ihrer Prüfung nicht den Tod gesucht. Sie haben das gesucht, was nach dem Tod kommt: die Auferstehung. Gott kann uns aus Liebe auf schwierigen Wegen wandeln lassen, uns Wunden und schmerzhafte Dornen erfahren lassen, aber er wird uns nie verlassen. Er wird immer bei uns sein, an unserer Seite, in uns. Für den Gläubigen ist das nicht so sehr eine Hoffnung, sondern eine Gewissheit. Gott ist bei mir.

 

Dieselbe Gewissheit finden wir in jenem Gleichnis aus dem Evangelium nach Lukas, das der Notwendigkeit gewidmet ist, unablässig zu beten. Jesus sagt: »Sollte Gott seinen Auserwählten, die Tag und Nacht zu ihm schreien, nicht zu ihrem Recht verhelfen, sondern bei ihnen zögern? Ich sage euch: Er wird ihnen unverzüglich Recht verschaffen« (18,7-8). So ist der Herr, so liebt er uns, so hat er uns lieb. Aber ich möchte euch jetzt einladen, alle gemeinsam das »Vaterunser« zu beten. Und jene von euch, die kein Italienisch können, mögen es in ihrer eigenen Sprache beten. Beten wir gemeinsam.

 

 

 

Quelle: vatican.va

 

 


generalaudienz vom 06.03.2019


 

Liebe Brüder und Schwestern,

guten Tag!

 

Wenn wir das »Vaterunser« beten, dann lautet die zweite Bitte, die wir an Gott richten: »dein Reich komme« (Mt 6,10). Nachdem er dafür gebetet hat, dass Gottes Name geheiligt werde, bringt der Gläubige den Wunsch zum Ausdruck, dass das Kommen seines Reiches beschleunigt werden möge. Dieser Wunsch ist sozusagen aus dem Herzen Christi selbst hervorgegangen, der sein Wirken in Galiläa damit begann, dass er verkündete: »Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um und glaubt an das Evangelium!« (Mk 1,15).

 

Diese Worte sind durchaus keine Drohung. Im Gegenteil: Sie sind eine gute Nachricht, eine Freudenbotschaft. Jesus will die Menschen nicht zur Umkehr drängen, indem er Furcht vor dem bevorstehenden Urteil Gottes oder Schuldbewusstsein über das begangene Übel sät. Jesus betreibt keinen Proselytismus: Er verkündet ganz einfach. Im Gegenteil, was er bringt, ist die gute Nachricht vom Heil, und von ihr ausgehend ruft er zur Umkehr auf. Jeder ist eingeladen, an das »Evangelium« zu glauben: Die Herrschaft Gottes ist seinen Kindern nahe gekommen. Das ist das Evangelium: Die Herrschaft Gottes ist seinen Kindern nahe gekommen. Und Jesus verkündet diese wunderbare Sache, diese Gnade: Gott, der Vater, liebt uns, er ist uns nahe, und er lehrt uns, auf dem Weg der Heiligkeit zu wandeln.

 

Die Zeichen des Kommens dieses Reiches sind zahlreich und alle positiv. Jesus beginnt sein öffentliches Wirken damit, dass er Sorge trägt für die Kranken, sowohl im Leib als auch im Geist, für die sozial Ausgegrenzten – zum Beispiel die Aussätzigen –, für die Sünder, die von allen mit Verachtung angeschaut werden: auch von denen, die noch größere Sünder waren als sie, aber so taten, als seien sie gerecht. Und wie nennt Jesus diese? »Heuchler.« Jesus selbst verweist auf diese Zeichen, die Zeichen des Reiches Gottes: »Blinde sehen wieder und Lahme gehen; Aussätzige werden rein und Taube hören; Tote stehen auf und Armen wird das Evangelium verkündet« (Mt 11,5).

 

»Dein Reich komme!« wiederholt der Christ mit Nachdruck, wenn er das »Vaterunser« betet. Jesus ist gekommen; aber die Welt ist noch immer von der Sünde gezeichnet, von vielen leidenden Menschen bevölkert, von Menschen, die sich nicht versöhnen und nicht vergeben, von Kriegen und vielen Formen der Ausbeutung – denken wir zum Beispiel an den Kinderhandel. All diese Tatsachen sind der Beweis, dass der Sieg Christi noch nicht völlig umgesetzt ist: Viele Männer und Frauen leben noch mit verschlossenem Herzen. Vor allem in diesen Situationen geht aus dem Mund des Christen die zweite Bitte des »Vaterunsers « hervor: »Dein Reich komme!« Es ist als würde man sagen: »Vater, wir brauchen dich! Jesus, wir brauchen dich, wir brauchen es, dass du überall und für immer der Herr mitten unter uns bist!«. »Dein Reich komme, sei du mitten unter uns.«

 

Manchmal fragen wir uns: Wieso wird dieses Reich so langsam verwirklicht? Jesus spricht über seinen Sieg gern in der Sprache der Gleichnisse.Zum Beispiel sagt er, dass das Reich Gottes wie ein Acker ist, auf dem der gute Weizen und das Unkraut zusammen wachsen: Der schlimmste Fehler wäre, sofort eingreifen und das, was uns als Unkraut erscheint, aus der Welt ausrotten zu wollen. Gott ist nicht wie wir, Gott hat Geduld. Das Reich Gottes wird in der Welt nicht mit Gewalt errichtet: Sein Stil, es zu verbreiten, ist die Sanftmut (vgl. Mt 13,24-30).

 

Das Reich Gottes ist gewiss eine große Kraft, die größte, die es gibt, aber nicht nach den Kriterien der Welt; in dieser scheint es nie die absolute Mehrheit zu haben. Es ist wie der Sauerteig, der unter das Mehl gemischt wird: Scheinbar verschwindet er, aber in Wirklichkeit ist gerade er es, der den Teig durchsäuert (vgl. Mt 13,33). Oder es ist wie ein Senfkorn, so klein, fast unsichtbar, das jedoch die Sprengkraft der Natur in sich trägt und wenn es einmal gewachsen ist, größer als die anderen Gewächse des Gartens wird (vgl. Mt 13,31-32).

 

Dieses »Geschick« des Reiches Gottes erkennt man am Lebenslauf Jesu selbst: Auch er war für seine Zeitgenossen ein schwaches Zeichen, ein für die offiziellen Historiker der Zeit beinahe unbekanntes Ereignis. Als »Weizenkorn« hat er sich selbst bezeichnet, das in der Erde stirbt, aber nur so »reiche Frucht« bringt (vgl. Joh 12,24). Das Symbol des Samens ist vielsagend: An einem Tag versenkt der Bauer ihn in die Erde (eine Geste, die wie ein Begräbnis erscheint), »und dann schläft er und steht wieder auf, es wird Tag und wird Nacht und wird Tag, der Samen keimt und wächst und der Mann weiß nicht wie« (Mk 4,27). Gott geht uns immer voraus. Gott überrascht immer. Dank seiner gibt es nach der Nacht des Karfreitags ein Morgenrot der Auferstehung, das in der Lage ist, die ganze Welt mit Hoffnung zu erleuchten. »Dein Reich komme!« Säen wir dieses Wort mitten unter unsere Sünden und unser Scheitern.

 

Schenken wir es den geschlagenen und vom Leben gebeugten Menschen – jenen, die mehr Hass als Liebe erfahren haben, die nutzlose Tage erlebt haben, ohne je zu verstehen warum. Schenken wir es jenen, die für Gerechtigkeit gekämpft haben, allen Märtyrern der Geschichte, denen, die den Schluss gezogen haben, dass sie umsonst gekämpft haben und dass in dieser Welt immer das Böse herrscht. Dann werden wir die Bitte des »Vaterunsers« antworten hören. Sie wird zum tausendsten Mal jene Worte der Hoffnung wiederholen, dieselben, mit denen der Geist alle Heiligen Schriften besiegelt hat: »Ja, ich komme bald.« Das ist die Antwort des Herrn. »Ich komme bald.« Amen. Und die Kirche des Herrn antwortet: »Komm, Herr Jesus!« (Offb 22,20). »Dein Reich komme« ist, als würde man sagen: »Komm, Herr Jesus!« Und Jesus sagt: »Ich komme bald.« Und Jesus kommt, auf seine Weise, aber jeden Tag. Darauf müssen wir vertrauen. Und wenn wir das »Vaterunser« beten, dann sagen wir immer: »Dein Reich komme«, um im Herzen zu hören: »Ja, ja, ich komme, und ich komme bald.« Danke!

 

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Quelle: vatican.va

 

 


generalaudienz vom 27.02.2019


 

Liebe Brüder und Schwestern,

guten Tag!

 

Der Winter scheint vorüberzugehen, und daher sind wir auf den Petersplatz zurückgekehrt. Herzlich willkommen auf dem Petersplatz! Auf unserem Weg zur Neuentdeckung des »Vaterunsers« werden wir heute die erste seiner sieben Bitten vertiefen: »Geheiligt werde dein Name.« Das »Vaterunser« enthält sieben Bitten, die sich leicht in zwei Untergruppen einteilen lassen.

 

Bei den ersten drei Bitten steht das »Du« Gottes, des Vaters, im Mittelpunkt; bei den anderen vier stehen das »Wir« und unsere menschlichen Bedürfnisse im Mittelpunkt. Im ersten Teil lässt Jesus uns in seine Wünsche eintreten, die alle an den Vater gerichtet sind: »Geheiligt werde ›dein‹ Name, ›dein‹ Reich komme, ›dein‹ Wille geschehe«; im zweiten Teil ist er es, der in uns eintritt und sich zum Sprachrohr »unserer« Bedürfnisse macht: das tägliche Brot, die Vergebung der Sünden, die Hilfe in der Versuchung und die Erlösung von dem Bösen.

 

Das ist die Urform jedes christlichen Gebets – ich würde sagen, jedes menschlichen Gebets –, das einerseits immer aus der Betrachtung Gottes, seines Geheimnisses, seiner Schönheit und Güte besteht und andererseits aus der aufrichtigen und mutigen Bitte um das, was wir brauchen, um zu leben, und gut zu leben. So erzieht das »Vaterunser « seinen Beter dazu, keine leeren Worte zu wiederholen, denn – wie Jesus selbst sagt – »euer Vater weiß, was ihr braucht, noch ehe ihr ihn bittet« (Mt 6,8).

 

Wenn wir mit Gott sprechen, dann tun wir es nicht, um ihm das zu offenbaren, was wir im Herzen haben: Er kennt es viel besser als wir! Wenn Gott für uns ein Geheimnis ist, so sind wir doch in seinen Augen kein Rätsel (vgl. Ps 139,1-4). Gott ist wie jene Mütter, denen ein Blick genügt, um alles an ihren Kindern zu verstehen: ob sie zufrieden oder traurig sind, ob sie ehrlich sind oder etwas verbergen… Der erste Schritt des christlichen Gebets ist also unsere eigene Hingabe an Gott, an seine Vorsehung. Es ist als würde man sagen: »Herr, du weißt alles, ich brauche dir nicht einmal von meinem Schmerz zu erzählen. Ich bitte dich nur, hier an meiner Seite zu sein: Du bist meine Hoffnung.« Es ist interessant zu sehen, dass Jesus uns in der Bergpredigt, gleich nachdem er den Text des »Vaterunsers« vermittelt hat, ermahnt,  uns keine Sorgen zu machen und uns nicht um die Dinge zu ängstigen. Es scheint ein Widerspruch zu sein: Erst lehrt er uns, um das tägliche Brot zu bitten, und dann sagt er: »Macht euch also keine Sorgen und fragt nicht: Was sollen wir essen? Was sollen wir trinken? Was sollen wir anziehen?« (Mt 6,31). Es ist jedoch nur scheinbar ein Widerspruch: Die Bitten des Christen bringen das Vertrauen auf den Vater zum Ausdruck; und gerade dieses Vertrauen lässt uns um das, was wir brauchen, bitten, ohne Angst und Unruhe.

 

Darum beten wir: »Geheiligt werde dein Name!« In dieser Bitte – der ersten! »Geheiligt werde dein Name!« – spürt man die ganze Bewunderung Jesu für die Schönheit und die Größe des Vaters, und den Wunsch, dass alle ihn als das erkennen und für das lieben, was er wirklich ist. Und gleichzeitig ist dort die Bitte, dass sein Name in uns, in unserer Familie, in unserer Gemeinschaft, in der ganzen Welt geheiligt werde. Gott ist es, der heiligt, der uns mit seiner Liebe verwandelt, aber gleichzeitig offenbaren auch wir mit unserem Zeugnis die Heiligkeit Gottes in der Welt und vergegenwärtigen seinen Namen. Gott ist heilig, aber wenn wir nicht heilig sind, wenn unser Leben nicht heilig ist, dann besteht eine große Unstimmigkeit!

 

Die Heiligkeit Gottes muss sich in unserem Handeln, in unserem Leben widerspiegeln. »Ich bin Christ, Gott ist heilig, aber ich mache viele schlimme Dinge«: Nein, das brauchen wir nicht. Das ist sogar schlecht; das erregt Anstoß und hilft nicht. Die Heiligkeit Gottes ist eine Kraft, die sich verbreitet, und wir bitten darum, dass er die Schranken unserer Welt rasch zerschlagen möge.

 

Als Jesus mit seiner Verkündigung beginnt, ist das erste, das die Konsequenzen daraus zu tragen hat, das Böse, das die Welt quält. Die unreinen Geister fluchen: »Was haben wir mit dir zu tun, Jesus von Nazaret? Bist du gekommen, um uns ins Verderben zu stürzen? Ich weiß wer du bist: der Heilige Gottes« (Mk 1,24). Man hatte noch nie eine solche Heiligkeit gesehen: die sich nicht um sich selbst kümmert, sondern nach außen ausgerichtet ist. Eine Heiligkeit – die Heiligkeit Jesu –, die sich in konzentrischen Kreisen erweitert, wie wenn man einen Stein in einen Teich wirft. Die Tage des Bösen sind gezählt – das Böse ist nicht ewig –, das Böse kann uns nichts mehr anhaben: Der Starke ist gekommen und nimmt sein Haus in Besitz (vgl. Mk 3,23-27). Und dieser Starke ist Jesus, der auch uns die Kraft gibt, unser inneres Haus in Besitz zu nehmen.

 

Das Gebet vertreibt alle Furcht. Der Vater liebt uns, der Sohn erhebt die Arme, um unsere Arme zu stützen, der Heilige Geist wirkt im Verborgenen für die Erlösung der Welt. Und wir? Wir wanken nicht in der Ungewissheit. Sondern wir haben eine große Gewissheit: Gott liebt mich; Jesus hat das Leben für mich hingegeben! Der Heilige Geist ist in mir. Das ist die große Gewissheit. Und  das Böse? Es hat Angst. Und das ist schön.

 

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Quelle: vatican.va

 

 


generalaudienz vom 20.02.2019


 

Liebe Brüder und Schwestern, in der Reihe der Katechesen über das Vaterunser wollen wir heute nachdenken, was es heißt, dass Gott „Vater im Himmel“ ist. Er ist nicht ein gewöhnlicher Vater. Den Vätern hier auf dieser Erde geht es wie allen Menschen. Ihre menschlichen Beziehungen haben bei allem guten Willen ihre Grenzen. Wir Menschen tun uns zuweilen schwer, unsere Liebe wach zu halten. Wir unterliegen den Versuchungen des Egoismus, der Macht und des Haben-Wollens. Gottes Liebe ist radikal anders, hat eine andere Dimension. Seine völlige Liebe können wir in diesem Leben nur in unvollkommener Weise kosten. Wir sind vor Gottes Liebe arme Bettler. Und doch brauchen wir nie an der Treue seiner Liebe zu zweifeln. Wir sind stets die Adressaten seiner Liebe. Selbst wenn wir die Erfahrung gemacht haben, dass es unsere Eltern zuweilen an Liebe fehlen ließen, dürfen wir fest vertrauen: Es gibt einen Gott im Himmel, der uns so wie keiner auf dieser Erde liebt und lieben wird. Wir alle sind Gottes geliebte Kinder, und es gibt nichts im Leben, was diese Leidenschaft für uns auszulöschen vermag.

 

 

Quelle: vatican.va

 

 


generalaudienz vom 13.02.2019


 

Liebe Brüder und Schwestern, wirkliches Gebet ist eine Herzensangelegenheit. Es ist ein stilles Zwiegespräch, wie die Begegnung der Blicke zweier Liebender. Diese Intimität und Vertrautheit, die jedem echten Gebet eigen ist, bedeutet aber keinesfalls eine reine Innerlichkeit, welche die Welt, das Zeitgeschehen und die anderen Menschen außen vor ließe. Bezeichnenderweise fehlt im Vaterunser ein Wort, das uns normalerweise sehr wichtig ist: das Wort „Ich“. Denn Gebet ist Dialog, ist ganz ausgerichtet auf das Du Gottes: „Geheiligt werde dein Name, dein Reich komme, dein Wille geschehe“. Im zweiten Teil geht das Herrengebet über zum „Wir“: „Unser tägliches Brot gib uns heute, vergib uns unsere Schuld, erlöse uns von dem Bösen”. Wer in rechter Weise betet, bittet nicht für sich allein, sein Bitten bezieht alle mit ein, besonders die Armen. Das Gebet zum Vater ist immer das Gebet einer solidarischen Gemeinschaft von Brüdern und Schwestern. Der Christ ist gerufen, die Nöte seiner Brüder und Schwestern zu den seinen zu machen, mit ihnen mitzuleiden. Dieses „Wir“, das der Herr lehrt, lässt uns unsere Verantwortung fühlen, die wir für unsere Brüder und Schwestern haben, auch für die, die wir nicht so gerne mögen, auch für die Sünder. Denn alle sind wir geliebte Kinder des einen Vaters.

 

 

Quelle: vatican.va

 

 


generalaudienz vom 06.02.2019


 

Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

 

In den vergangenen Tagen habe ich eine kurze Apostolische Reise in die Vereinigten Arabischen Emirate durchgeführt. Eine kurze, aber sehr wichtige Reise, die an die Begegnung in Al-Azhar in Ägypten angeknüpft und ein neues Kapitel in der Geschichte des Dialogs zwischen Christentum und Islam sowie der Bemühungen um die Förderung des Friedens in der Welt auf der Grundlage der Brüderlichkeit unter den Menschen geschrieben hat.

 

Zum ersten Mal hat ein Papst sich auf die Arabische Halbinsel begeben. Und die Vorsehung hat gewollt, dass es ein Papst mit dem Namen Franziskus ist, 800 Jahre nach dem Besuch des heiligen Franz von Assisi beim Sultan al-Malik al-Kamil. Ich habe während dieser Reise oft an den heiligen Franziskus gedacht: Er hat mir geholfen, das Evangelium, die Liebe Jesu Christi im Herzen zu tragen, während ich die verschiedenen Augenblicke des Besuchs erlebt habe. In meinem Herzen war das Evangelium Christi, das Gebet zum Vater für alle seine Kinder, besonders für die Ärmsten, für die Opfer des Unrechts, der Kriege, des Elends…Das Gebet, dass der Dialog zwischen Christentum und Islam der entscheidende Faktor für den Frieden in der heutigen Welt sein möge.

 

Ich danke von Herzen dem Kronprinzen, dem Präsidenten, dem Vizepräsidenten sowie allen Autoritäten der Vereinigten Arabischen Emirate, die mich mit großer Freundlichkeit empfangen haben. Jenes Land ist in den letzten Jahrzehnten sehr gewachsen: Es ist zu einer Wegkreuzung zwischen Ost und West geworden, zu einer multiethnischen und multireligiösen »Oase« und daher zu einem geeigneten Ort, um die Kultur der Begegnung zu fördern.

 

Meinen aufrichtigen Dank bringe ich Bischof Paul Hinder, dem Apostolischen Vikar für das südliche Arabien, zum Ausdruck, der das Ereignis für die katholische Gemeinschaft organisiert hat, und mein herzlicher Dank gilt auch den Priestern, den Ordensleuten und den Laien, die die christliche Präsenz in jener Region beseelen.

 

Ich hatte Gelegenheit, den ersten Priester – einen 90-jährigen – zu begrüßen, der dorthin gegangen war, um viele Gemeinden zu gründen. Er sitzt im Rollstuhl, ist blind, aber er hat stets ein Lächeln auf den Lippen, das Lächeln, dem Herrn gedient und viel Gutes getan zu haben. Ich habe auch einen anderen 90-jährigen Priester begrüßt –, aber er konnte gehen und arbeitet auch weiterhin. Sehr gut! – und viele Priester, die im Dienst der christlichen Gemeinden des lateinischen Ritus, des syro-malabarischen Ritus, des syro-malankarischen Ritus, des maronitischen Ritus dort sind und die aus dem Libanon, aus Indien, von den Philippinen und aus anderen Ländern kommen.

 

Außer den Ansprachen wurde in Abu Dhabi noch ein weiterer Schritt getan: Der Großimam von Al-Azhar und ich haben das Dokument über die Brüderlichkeit aller Menschen unterzeichnet, in dem wir zusammen die gemeinsame Berufung aller Männer und Frauen bekräftigen, Geschwister zu sein als Söhne und Töchter Gottes; in dem wir jede Form von Gewalt verurteilen, vor allem jene mit religiösen Motiven verbrämte, und uns bemühen, in der Welt die wahren Werte und den Frieden zu verbreiten. Dieses Dokument wird in den Schulen und Universitäten vieler Länder studiert werden. Aber auch ich lege euch ans Herz, es zu lesen und kennenzulernen, weil es sehr dazu anspornt, im Dialog über die Brüderlichkeit der Menschen fortzuschreiten.

 

In einer Zeit wie der unseren, in der die Versuchung stark ist, einen Zusammenprall zwischen der christlichen und der islamischen Zivilisation zu sehen und die Religionen auch als Konfliktherde zu betrachten, wollten wir ein weiteres deutliches und entschiedenes Zeichen setzen, dass es vielmehr möglich ist, einander zu begegnen, dass es möglich ist, einander zu respektieren und miteinander zu sprechen, und dass die christliche und die islamische Welt trotz der Vielfalt der Kulturen und Traditionen gemeinsame Werte anerkennen und schützen: das Leben, die Familie, den Sinn für das Religiöse, die Ehrfurcht gegenüber den alten Menschen, die Erziehung und Bildung der jungen Menschen und noch weitere.

 

In den Vereinigten Arabischen Emiraten leben ungefähr etwas über eine Million Christen: Arbeiter, die aus verschiedenen Ländern Asiens stammen. Gestern Vormittag hatte ich eine Begegnung mit Vertretern der katholischen Gemeinde in der Kathedrale Sankt Joseph in Abu Dhabi, ein sehr einfaches Gotteshaus. Und dann, nach dieser Begegnung, habe ich für alle die Messe gefeiert. Es waren sehr viele!

 

Es heißt, dass im Stadion, das ein Fassungsvermögen von 40.000 Personen hat, und vor dem Stadion an den Großbildschirmen insgesamt 150.000 Menschen waren! Ich habe die Eucharistie im Stadion der Stadt gefeiert und das Evangelium der Seligpreisungen verkündet. In der Messe, die ich zusammen mit den anwesenden Patriarchen, Großerzbischöfen und Bischöfen  gefeiert habe, haben wir insbesondere für Frieden und Gerechtigkeit gebetet, mit besonderem Anliegen für den Nahen Osten und für den Jemen. Liebe Brüder und Schwestern, diese Reise gehört zu den »Überraschungen« Gottes. Preisen wir daher ihn und seine Vorsehung, und beten wir, dass die ausgestreuten Samenkörner nach seinem heiligen Willen Frucht tragen mögen.

 

 

Quelle: vatican.va