GENERALAUDIENZEN 2020


Audienz VOM 11.11.2020

 

Liebe Brüder und Schwestern, in der Reihe der Katechesen über das Gebet widmen wir uns heute einer wichtigen Eigenschaft für ein fruchtbares Beten: der Beharrlichkeit. Jesus stand in einem stetigen Dialog mit dem Vater. Die Zeiten des stillen Gebets waren der Dreh- und Angelpunkt seiner Sendung auf Erden. In verschiedenen Gleichnissen kommt der Herr auf die Hartnäckigkeit zu sprechen, die den Beter Gehör finden lässt. In den Gleichnissen vom bittenden Freund (Lk 11,5-8) und von der Witwe und dem ungerechten Richter (Lk 18,1-8) lässt er Menschen auftreten, die wegen der Ausdauer ihrer Bitten scheinbar Unmögliches erreichen. Gott weiß, was wir brauchen, aber wartet manchmal zu, damit wir unsere Bitten läutern. Unser Glaube erscheint uns oft schwach, doch das Gebet hilft uns, dass wir nicht verzagt und mutlos werden. Selbst in der Nacht des Glaubens beten wir nie allein: Jesus ist uns dann nicht nur Lehrer des Gebets, er nimmt uns sogar in sein eigenes Beten auf. Der heilige Augustinus hat dies in einem großartigen Gedanken so formuliert: Jesus „betet für uns als unser Priester, er betet in uns als unser Haupt, wir beten zu ihm als unserem Gott. Vernehmen wir also unsere Stimme in ihm und seine Stimme in uns“ (vgl. KKK 2616).

 

 

Quelle: www.vatican.va

 

Audienz VOM 04.11.2020

 

Liebe Brüder und Schwestern, die Evangelien berichten immer wieder vom Gebet Jesu, von seiner tiefen Einheit mit dem Vater. Jesu Weg ist geheimnisvoll bestimmt vom Gebet. Er lässt sich nicht leiten von Erfolgen, von der Zustimmung der Menschen und auch nicht von diesem schmeichelhaften „Alle-suchen-dich“ (Mk 1,37). Jesus geht den Weg, den der Vater ihm im Verborgenen mitteilt. Am Vorbild Jesu können wir für unser christliches Gebet wichtiges erkennen: Zunächst einmal, dass das Beten Vorrang hat. Es soll an erster Stelle stehen. So vermag es, dem ganzen Tag Richtung und Sinn zu geben. Es lässt uns erkennen, was Gott uns durch die Herausforderungen des Alltagslebens sagen möchte und wie alles zu einer Gelegenheit werden kann, im Glauben und in der Nächstenliebe zu wachsen. Am Beispiel Jesu wird zudem sichtbar, dass das Gebet eine Kunst ist, die eine kontinuierliche Praxis erfordert, Disziplin und Übung, sowie einen festen Platz im Alltag. Solch ausdauerndes Gebet verwandelt und verleiht Kraft. Das Gebet ist keine Flucht vor der Welt, sucht aber doch die Einsamkeit. Denn dort, in der Stille, spricht Gott. Und in der Ruhe können viele unserer verborgenen und manchmal unterdrückten Wünsche und Wahrheiten zum Vorschein kommen und dann bewusst vor Gott gebracht werden. Jeder Mensch braucht einen persönlichen Freiraum, wo er sein inneres Leben kultivieren kann, das ihn vor Oberflächlichkeit, Unruhe und Angst bewahrt.         

 

 

Quelle: www.vatican.va

 

Audienz VOM 28.10.2020

 

Liebe Brüder und Schwestern guten Tag!

 

Heute, bei dieser Audienz, werde ich hier an meinem Platz bleiben, wie wir es bei den vorigen Audienzen gemacht haben. Ich würde sehr gerne hinuntergehen, jeden begrüßen, aber wir müssen Abstand halten, denn wenn ich hinuntergehe, entsteht gleich eine Menschentraube, um zu grüßen, und das geht gegen die Achtsamkeit, die Vorsicht, die wir gegenüber dieser »Dame«, die Covid heißt und die uns viel Schlechtes antut, walten lassen müssen. Verzeiht mir daher, dass ich nicht hinunterkomme, um euch zu begrüßen: Ich begrüße euch von hier aus, aber ich trage euch alle im Herzen. Und tragt ihr mich im Herzen und betet für mich. Auf Abstand kann man füreinander beten. Danke für das Verständnis.

 

Nachdem wir in unserer Katechesereihe über das Gebet das Alte Testament durchlaufen haben, kommen wir jetzt zu Jesus. Und Jesus betete. Sein öffentliches Wirken beginnt mit der Taufe im Jordan. Und die Evangelisten schreiben diesem Ereignis übereinstimmend grundlegende Bedeutung zu. Sie berichten, dass das ganze Volk im Gebet versammelt war, und erläutern, dass diese Zusammenkunft einen deutlichen Bußcharakter hatte (vgl. Mk 1,5; Mt 3,8). Das Volk ging zu Johannes, um sich taufen zu lassen für die Vergebung der Sünden: dies hat einen Charakter der Buße, der Umkehr. Das erste öffentliche Handeln Jesu ist also die Teilnahme an einem gemeinsamen Gebet des Volkes, einem Gebet des Volkes, das hingeht, um sich taufen zu lassen, ein Bußgebet, wo alle sich als Sünder bekennen. Daher möchte der Täufer sich widersetzen und sagt: »Ich müsste von dir getauft werden und du kommst zu mir?« (Mt 3,14).

 

Der Täufer versteht, wer Jesus war. Aber Jesus besteht darauf: Sein Handeln geschieht aus Gehorsam gegenüber dem Willen des Vaters (V. 15), aus Solidarität mit unserem menschlichen Dasein. Er betet mit den Sündern des Gottesvolkes. Das müssen wir uns merken: Jesus ist der Gerechte; er ist kein Sünder. Aber er wollte zu uns Sündern herabkommen, und er betet mit uns, und wenn wir beten, dann betet er mit uns; er ist mit uns, weil er im Himmel für uns betet. Jesus betet immer mit seinem Volk, er betet immer mit uns: immer. Nie beten wir allein, immer beten wir mit Jesus. Er bleibt nicht am anderen Ufer des Flusses – »Ich bin gerecht, ihr seid Sünder« –, um sein Anderssein und seine Distanz vom ungehorsamen Volk zu betonen, sondern er taucht seine Füße in dasselbe Wasser der Reinigung. Er macht sich gleichsam zu einem Sünder. Und das ist die Größe Gottes, der seinen Sohn gesandt hat, der sich selbst entäußert hat und wie ein Sünder erschien. Jesus ist kein ferner Gott, und er kann es nicht sein.

 

Die Menschwerdung hat es in ganzer Fülle und auf menschlich undenkbare Weise offenbart. So eröffnet Jesus seine Sendung, indem er sich an die Spitze eines Volkes von Büßern stellt und es gleichsam übernimmt, eine Bresche zu schlagen, durch die zu gehen wir alle, nach ihm, den Mut haben müssen. Die Straße, der Weg ist schwierig; aber er geht und öffnet den Weg. Der Katechismus der Katholischen Kirche erläutert, dass dies die Neuheit der Fülle der Zeiten ist. Dort heißt es: »Das kindliche Gebet, das der Vater von seinen Kindern erwartete, wird endlich vom einzigen Sohn in seiner Menschennatur mit den Menschen und für sie gelebt« (Nr. 2599).

 

Jesus betet mit uns. Behalten wir das im Kopf und im Herzen: Jesus betet mit uns. An jenem Tag, am Ufer des Jordan, befindet sich also die ganze Menschheit, mit ihren unausgesprochenen Gebetswünschen. Dort ist vor allem das Volk der Sünder: jene, die meinten, sie könnten nicht von Gott geliebt sein; jene, die es nicht wagten, die Schwelle des Tempels zu überschreiten; jene, die nicht beteten, weil sie sich nicht würdig fühlten. Jesus ist für alle gekommen, auch für sie, und er beginnt, indem er sich ihnen anschließt, sich an die Spitze stellt. Vor allem das Lukasevangelium macht die Atmosphäre des Gebets deutlich, in der die Taufe Jesu geschehen ist: »Es geschah aber, dass sich zusammen mit dem ganzen Volk auch Jesus taufen ließ. Und während er betete, öffnete sich der Himmel« (3,21). I

 

ndem er betet, öffnet Jesus das Tor zum Himmel, und durch diese Bresche kommt der Heilige Geist herab. Und aus der Höhe verkündet eine Stimme die wunderbare Wahrheit: »Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen gefunden« (V. 22). Dieses einfache Wort enthält einen enormen Schatz: Es lässt uns etwas verstehen vom Geheimnis Jesu und seines Herzens, das immer dem Vater zugewandt ist. Im Wirbel des Lebens und der Welt, die ihn am Ende verurteilen wird, auch in den härtesten und traurigsten Erfahrungen, die er ertragen muss, auch wenn er die Erfahrung macht, dass er keinen Ort hat, wo er sein Haupt hinlegen kann (vgl. Mt 8,20), auch wenn um ihn herum Hass und Verfolgung entfesselt werden, ist Jesus nie ohne einen Zufluchtsort: Er wohnt auf ewig im Vater. Das ist die einzigartige Größe des Gebets Jesu: Der Heilige Geist ergreift Besitz von seiner Person, und die Stimme des Vaters bezeugt, dass er der geliebte Sohn ist, in dem er sich in ganzer Fülle widerspiegelt. Dieses Gebet Jesu, das am Ufer des Jordan vollkommen persönlich ist – und so wird es sein ganzes irdisches Leben hindurch sein –, wird an Pfingsten aus Gnade zum Gebet aller Getauften in Christus. Er selbst hat uns dieses Geschenk erlangt, und er lädt uns ein, so zu beten wie er gebetet hat.

 

Darum müssen wir, wenn wir uns an einem Gebetsabend matt und leer fühlen, wenn uns das Leben völlig nutzlos gewesen zu sein scheint, in jenem Augenblick darum bitten, dass das Gebet Jesu auch zu unserem Gebet werde. »Ich kann heute nicht beten, ich weiß nicht, was ich tun soll: Ich fühle mich nicht danach, ich bin unwürdig.« In jenem Augenblick muss man sich ihm anvertrauen, damit er für uns betet. Er steht in diesem Augenblick vor dem Vater und betet für uns, er ist der Fürsprecher; er zeigt dem Vater die Wunden, für uns. Vertrauen wir darauf! Wenn wir Vertrauen haben, dann werden wir eine Stimme vom Himmel hören, die stärker ist als jene, die aus unseren Untiefen kommt, und wir werden diese Stimme zärtliche Worte wispern hören: »Du bist von Gott geliebt, du bist sein Kind, du bist die Freude des himmlischen Vaters.« Für uns, für einen jeden von uns hallt das Wort des Vaters wider: Auch wenn wir von allen zurückgewiesen sein sollten, Sünder der schlimmsten Sorte. Jesus ist nicht für sich selbst in das Wasser des Jordan hinabgestiegen, sondern für uns alle. Das ganze Gottesvolk kam zum Jordan, um zu beten, um Vergebung zu bitten, jene Taufe der Buße zu empfangen. Und wie jener Theologe sagt, kamen sie zum Jordan »mit nackter Seele und mit nackten Füßen«.

 

So ist die Demut. Um zu beten bedarf es der Demut. Er hat den Himmel geöffnet, wie Mose die Wasser des Roten Meeres geöffnet hatte, damit wir alle hinter ihm hindurchgehen können. Jesus hat uns sein eigenes Gebet geschenkt, seinen liebevollen Dialog mit dem Vater. Er hat es uns geschenkt als ein Samenkorn der Dreifaltigkeit, das in unserem Herzen Wurzeln schlagen will. Nehmen wir es an! Nehmen wir dieses Geschenk an, das Geschenk des Gebets. Immer mit ihm. Und wir werden nicht in die Irre gehen. 

 

Quelle: www.vatican.va

 

Audienz VOM 21.10.2020

 

 

 Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

 

Wegen des Coronavirus müssen wir heute die Gestaltung dieser Audienz etwas verändern. Ihr haltet Abstand und tragt auch Schutzmasken, und ich bin hier etwas weiter entfernt und kann nicht das tun, was ich immer tue: nahe zu euch kommen. Denn immer, wenn ich euch nahekomme, rückt ihr alle zusammen, der Abstand geht verloren, und für euch besteht Ansteckungsgefahr. Es tut mir leid, das zu tun, aber es geschieht zu eurer Sicherheit. Statt dass ich nahe zu euch komme und euch die Hände schüttle, um euch zu begrüßen, begrüßen wir einander aus der Ferne, aber ihr sollt wissen, dass ich euch mit dem Herzen nahe bin. Ich hoffe, ihr versteht, warum ich das tue.

 

Außerdem hat, während die Lektoren den Abschnitt aus der Bibel gelesen haben, das weinende Kind – ein Junge oder ein Mädchen – meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Und ich habe gesehen, dass die Mutter das Kind liebkost und gestillt hat, und ich habe gedacht: »So macht Gott es mit uns, wie diese Mutter«. Wie zärtlich hat sie versucht, das Kind zu wiegen, zu stillen. Das sind wunderschöne Bilder. Und wenn so etwas in der Kirche passiert, wenn ein Kind weint, dann weiß man, dass dort die Zärtlichkeit einer Mutter ist, wie heute, dass dort die Zärtlichkeit einer Mutter ist: das Sinnbild der Zärtlichkeit, die Gott uns entgegenbringt. Wenn ein Kind in der Kirche weint, darf man es nie zum Schweigen bringen, nie, denn es ist die Stimme, die die Zärtlichkeit Gottes anzieht. Danke für dein Zeugnis. Wir schließen heute die Katechese über das Psalmengebet ab. Zunächst sehen wir, dass in den Psalmen oft eine negative Gestalt erscheint, die des »Frevlers«: also jenes Menschen – Mann oder Frau –, der so lebt, als gäbe es Gott nicht. Es ist der Mensch ohne jeden Bezug zur Transzendenz, der seine Arroganz nicht zügelt, der über das, was er denkt und was er tut, kein Urteil fürchtet. Aus diesem Grund präsentiert uns der Psalter das Gebet als die grundlegende Wirklichkeit des Lebens.

 

Der Bezug auf das Absolute und Transzendente hin – die Lehrer des geistlichen Lebens sprechen von der »Ehrfurcht vor Gott« – ist das, was uns wirklich menschlich macht, ist die Grenze, die uns vor uns selbst rettet und verhindert, dass wir uns räuberisch und gierig auf dieses Leben stürzen. Das Gebet ist die Rettung des Menschen. Gewiss gibt es auch ein falsches Gebet, ein Gebet, das nur dazu dient, von den anderen bewundert zu werden. Wer nur zur Messe geht, um zu zeigen, dass er katholisch ist, oder um das neueste Modell zu präsentieren, das er erworben hat, oder um gesellschaftlich einen guten Eindruck zu machen, der geht zu einem falschen Gebet. Jesus hat nachdrücklich davor gewarnt (vgl. Mt 6,5-6; Lk 9,14). Wenn jedoch der wahre Geist des Gebets aufrichtig angenommen wird und in das Herz einzieht, dann lässt es uns die Wirklichkeit mit Gottes Augen betrachten. Wenn man betet, bekommt alles »Tiefgang«. Das ist interessant beim Gebet: Vielleicht beginnen wir mit etwas Geringem, aber im Gebet bekommt es Tiefgang, bekommt es Gewicht, so, als würde Gott es in die Hand nehmen und verwandeln.

 

Der schlechteste Dienst, den man Gott und auch dem Menschen erweisen kann, ist es, müde zu beten, aus reiner Gewohnheit. Beten wie die Papageien. Nein, man betet mit dem Herzen. Das Gebet ist der Mittelpunkt des Lebens. Wenn das Gebet da ist, dann wird auch der Bruder, die Schwester, sogar der Feind wichtig. Ein alter Spruch der ersten christlichen Mönche lautet so: »Selig der Mönch, der – nach Gott – alle Menschen wie Gott betrachtet« (Evagrius Ponticus, Über das Gebet, Nr. 123). Wer Gott anbetet, liebt seine Kinder. Wer Gott achtet, achtet die Menschen. Darum ist das Gebet kein Beruhigungsmittel, um die Ängste des Lebens zu lindern; oder zumindest ist ein solches Gebet gewiss nicht christlich. Das Gebet weckt vielmehr das Verantwortungsbewusstsein eines jeden von uns. Das sehen wir deutlich im »Vaterunser«, das Jesus seine Jünger gelehrt hat.

 

Der Psalter ist eine großartige Schule, wenn man lernen will, so zu beten. Wir haben gesehen, dass die Psalmen nicht immer kultivierte und freundliche Worte benutzen und dass sie oft die Narben des Lebens tragen. Dennoch sind diese Gebete zunächst im Tempel von Jerusalem und dann in den Synagogen benutzt worden; auch die innerlichsten und persönlichsten. Der Katechismus der Katholischen Kirche bringt es so zum Ausdruck: »Die vielfältigen Ausdrucksformen des Psalmengebetes nehmen zugleich in der gemeinsamen Liturgie des Tempels und im Herzen des einzelnen Menschen Gestalt an« (Nr. 2588). Und so schöpft und nährt sich das persönliche Gebet aus dem Gebet, das zunächst das des Volkes Israel und dann das des Kirchenvolkes ist. Auch die Psalmen in der ersten Person Singular, die uns die innersten Gedanken und Probleme eines Individuums anvertrauen, sind kollektives Eigentum und werden sogar von allen und für alle gebetet. Das Gebet der Christen hat diesen »Atem«, diese geistliche »Spannung«, die den Tempel und die Welt zusammenhält. Das Gebet kann im Halbdunkel eines Kirchenschiffs beginnen, aber dann endet es seinen Lauf auf den Straßen der Stadt. Und umgekehrt kann es im täglichen Tun aufkeimen und in der Liturgie seine Erfüllung finden. Die Kirchentüren sind keine Barrieren, sondern durchlässige »Membranen«, die bereit sind, die Klage aller Menschen aufzunehmen. Im Gebet des Psalters ist die Welt stets gegenwärtig. Die Psalmen geben zum Beispiel der göttlichen Verheißung des Heils der Schwächeren eine Stimme: »Wegen der Unterdrückung der Schwachen, wegen des Stöhnens der Armen stehe ich jetzt auf, spricht der Herr, ich bringe Rettung dem, gegen den man wütet« (12,6). Oder sie warnen vor der Gefahr der weltlichen Reichtümer, denn »der Mensch in Pracht, doch ohne Einsicht, er gleicht dem Vieh, das verstummt« (49,21). Oder sie öffnen den Horizont auf den Blick Gottes auf die Geschichte: »Der Herr vereitelte den Ratschluss der Nationen, er machte die Pläne der Völker zunichte. Der Ratschluss des Herrn bleibt ewig bestehen, die Pläne seines Herzens durch alle Geschlechter« (33,10-11). Kurz gesagt, wo Gott ist, dort muss auch der Mensch sein.

 

Die Heilige Schrift ist kategorisch: »Wir wollen lieben, weil er uns zuerst geliebt hat.« Er geht uns immer voran. Er wartet immer auf uns, weil er uns als Erster liebt, und als Erster anschaut, uns als Erster versteht. Er wartet immer auf uns. »Wenn jemand sagt: Ich liebe Gott!, aber seinen Bruder hasst, ist er ein Lügner. Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, kann Gott nicht lieben, den er nicht sieht.« Wenn du täglich viele Rosenkränze betest, aber dann über die anderen klatschst und Groll in dir trägst, Hass gegen die anderen hegst, dann ist das reine Affektiertheit, es ist keine Wahrheit. »Und dieses Gebot haben wir von ihm: Wer Gott liebt, soll auch seinen Bruder lieben« (1 Joh 4,19-21). Die Heilige Schrift lässt zu, dass ein Mensch Gott zwar aufrichtig sucht, ihm jedoch nie begegnet; aber sie sagt auch, dass man nie die Tränen der Armen verleugnen darf, denn sonst kann man Gott nicht begegnen. Gott duldet nicht den »Atheismus« dessen, der das göttliche Abbild leugnet, das in jedem Menschen eingeprägt ist. Jener alltägliche Atheismus: Ich glaube an Gott, aber zu den anderen halte ich Abstand, und ich erlaube mir, die anderen zu hassen. Das ist praktischer Atheismus. Den Menschen nicht als Abbild Gottes zu erkennen ist eine Gotteslästerung, ist ein Gräuel, ist die schlimmste Beleidigung, die man dem Tempel und dem Altar zufügen kann. Liebe Brüder und Schwestern, das Psalmengebet möge uns helfen, nicht in die Versuchung der »Gottlosigkeit« zu geraten – also so zu leben und vielleicht auch zu beten, als gäbe es Gott nicht und als gäbe es die Armen nicht.

 

Quelle: www.vatican.va

 

Audienz VOM 14.10.2020

 

 Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

 

Wenn wir die Bibel lesen, stoßen wir ständig auf Gebete verschiedener Art. Wir finden jedoch auch ein Buch, das nur aus Gebeten besteht – ein Buch, das zur Heimat, Übungsstätte und zum Zuhause zahlloser Beter geworden ist. Es handelt sich um das Buch der Psalmen. Es sind 150 Psalmen zum Gebet. Es gehört zu den weisheitlichen Büchern, weil es – durch die Erfahrung des Gesprächs mit Gott – das »zu Beten wissen« vermittelt. In den Psalmen finden wir alle menschlichen Gemütszustände: die Freuden, die Leiden, die Zweifel, die Hoffnungen, die Verbitterungen, die unser Leben färben. Der Katechismus sagt, dass jeder Psalm »so nüchtern [ist], dass er von den Menschen jeden Standes und jeder Zeit gebetet werden kann« (KKK, 2588).

 

Wenn wir die Psalmen immer wieder lesen, erlernen wir die Sprache des Gebets. Denn Gott, der Vater, hat sie mit seinem Geist in das Herz des Königs David und anderer Beter eingegeben, um jeden Mann und jede Frau zu lehren, wie man ihn loben, wie man ihm danken und ihn bitten soll, wie man ihn in der Freude und im Leiden anrufen soll, wie man von den Wundern seiner Werke und seines Gesetzes erzählen soll. Kurz gesagt, die Psalmen sind das Wort Gottes, das wir Menschen gebrauchen, um mit ihm zu sprechen.

 

In diesem Buch begegnen wir keinen ätherischen, abstrakten Personen, keinen Menschen, die das Gebet mit einer ästhetischen oder weltfremden Erfahrung verwechseln. Die Psalmen sind nicht am grünen Tisch entstanden; oft sind es dramatische Anrufungen, die mitten aus dem Leben hervorgehen. Um sie zu beten genügt es, das zu sein, was wir sind. Wir dürfen nicht vergessen, dass wir, um gut zu beten, so beten müssen, wie wir sind, ungeschminkt. Man muss die Seele nicht schminken, um zu beten. »Herr, ich bin so«, und sich vor den Herrn stellen, wie wir sind, mit den schönen Dingen und auch mit den hässlichen Dingen, die keiner kennt, die aber wir in unserem Innern kennen.

 

In den Psalmen hören wir die Stimmen der Beter aus Fleisch und Blut, deren Leben – wie das Leben aller Menschen – voller Probleme, Mühsal, Ungewissheiten ist. Der Psalmist protestiert nicht radikal gegen dieses Leiden: Er weiß, dass es zum Leben gehört. In den Psalmen wird das Leiden jedoch in eine Frage verwandelt. Vom Leiden zum Fragen. Und unter den vielen Fragen gibt es eine, die im Raum stehen bleibt, gleichsam eine unablässige Klage, die das ganze Buch von einem Ende zum anderen durchzieht. Eine Frage, die wir oft wiederholen: »Wie lange noch, Herr? Wie lange noch?« Jeder Schmerz fordert eine Befreiung, jede Träne verlangt nach einem Trost, jede Wunde erwartet eine Heilung, jede Verleumdung einen Freispruch. »Wie lange noch, Herr, muss ich das erleiden? Höre mich, Herr!«

 

Wie oft haben wir so gebetet: »Wie lange noch?« Es ist genug, Herr! Indem sie unablässig solche Fragen stellen, lehren uns die Palmen, uns nicht an den Schmerz zu gewöhnen, und sie erinnern uns daran, dass das Leben nicht gerettet ist, wenn es nicht geheilt ist. Das Dasein des Menschen ist ein Hauch, sein Leben ist flüchtig, aber der Beter weiß, dass er kostbar ist in den Augen Gottes, darum hat es einen Sinn zu klagen. Und das ist wichtig. Wenn wir beten, tun wir es, weil wir wissen, dass wir kostbar sind in den Augen Gottes. Die Gnade des Heiligen Geistes erweckt in uns dieses Bewusstsein: kostbar zu sein in den Augen Gottes. Und darum werden wir angehalten zu beten.

 

Das Gebet der Psalmen ist das Zeugnis dieser Klage: eine vielfältige Klage, denn im Leben nimmt der Schmerz zahlreiche Formen an, und er nimmt den Namen Krankheit, Hass, Krieg, Verfolgung, Misstrauen an… Bis hin zum allerhöchs - ten »Skandal«, dem des Todes. Der Tod erscheint im Psalter als der unsinnigste Feind des Menschen: Welches Verbrechen verdient eine so grausame Bestrafung, die Vernichtung und das Ende mit sich bringt? Der Psalmbeter bittet Gott, dort einzugreifen, wo alles menschliche Bemühen vergeblich ist. Darum ist das Gebet schon an sich der Weg des Heils und der Anfang des Heils. Alle leiden in dieser Welt: ob man an Gott glaubt oder ob man ihn zurückweist.

 

Im Psalter wird der Schmerz jedoch zur Beziehung, zum Verhältnis: zum Schrei um Hilfe, der erwartet, auf Gehör zu stoßen. Er kann nicht ohne Sinn, ohne Zweck bleiben. Auch die Schmerzen, die wir erleiden, können nicht nur besondere Fälle eines allgemeinen Gesetzes sein: Es sind immer »meine« Tränen. Denkt daran: Die Tränen sind nicht allgemein, es sind »meine« Tränen. Jeder hat die eigenen. »Meine« Tränen und »mein« Schmerz drängen mich also, mit dem Gebet voranzugehen. Es sind »meine« Tränen, die niemand jemals vor mir vergossen hat. Ja, viele haben geweint, viele. Aber »meine« Tränen sind meine, »mein« Schmerz ist meiner, »mein« Leiden ist meines. Bevor ich in die Audienzhalle gekommen bin, hatte ich eine Begegnung mit den Eltern jenes Priesters der Diözese Como, der getötet worden ist; er wurde getötet in seinem Dienst, Hilfe zu leisten.

 

Die Tränen jener Eltern sind »ihre« Tränen, und jeder von ihnen weiß, wie sehr er gelitten hat, diesen Sohn zu sehen, der sein Leben im Dienst an den Armen hingegeben hat. Wenn wir jemanden trösten wollen, dann finden wir keine Worte. Warum? Weil wir nicht zu seinem Schmerz gelangen können, weil »sein« Schmerz seiner ist, »seine« Tränen seine sind. Dasselbe gilt für uns: Die Tränen, »mein« Schmerz ist meiner, die Tränen sind »meine«, und mit diesen Tränen, mit diesem Schmerz wende ich mich an den Herrn. Alle Schmerzen der Menschen sind heilig für Gott. So betet der Beter des Psalms 56: »Die Wege meines Elends hast du gezählt. In deinem Schlauch sammle meine Tränen! Steht nicht alles in deinem Buche?« (V. 9). Vor Gott sind wir keine Unbekannten, keine Nummern.

 

Wir sind Gesichter und Herzen, jeder einzeln bekannt, mit Namen. In den Psalmen findet der Gläubige eine Antwort. Er weiß: Auch wenn alle menschlichen Türen verriegelt sein sollten, Gottes Tür ist offen. Auch wenn die ganze Welt ein Schuldurteil gesprochen hat, gibt es in Gott das Heil. »Der Herr hört«: Manchmal genügt es im Gebet, das zu wissen. Nicht immer lassen sich die Probleme lösen. Wer betet, täuscht sich nicht: Er weiß, dass viele Fragen des Lebens hier auf Erden ungelöst, ausweglos bleiben; das Leiden wird uns begleiten, und wenn man einen Kampf überwunden hat, werden andere uns erwarten. Wenn uns jedoch Gehör geschenkt wird, wird alles erträglich. Das Schlimmste, was passieren kann, ist, in der Einsamkeit zu leiden, ohne dass jemand an uns denkt. Daraus rettet uns das Gebet. Denn es kann geschehen, und sogar oft, dass man die Pläne Gottes nicht versteht. Aber unsere Klage staut sich nicht hier auf Erden an: Sie steigt auf zu ihm, der das Herz eines Vaters hat und der selbst weint um jedes Kind – jeden Sohn und jede Tochter –, das leidet und stirbt.

 

Ich möchte euch etwas sagen: Mir tut es gut, in schlimmen Augenblicken an das Weinen Jesu zu denken, als er beim Anblick von Jerusalem geweint hat, als er vor dem Grab des Lazarus geweint hat. Gott hat für mich geweint, Gott weint, er weint um unsere Schmerzen. Denn Gott wollte Mensch werden – so sagte ein geistlicher Schriftsteller –, um weinen zu können. Daran zu denken, dass Jesus im Schmerz mit mir weint, ist ein Trost: Es hilft uns voranzugehen. Wenn wir in der Beziehung zu ihm bleiben, dann erspart uns das Leben nicht das Leiden, aber es öffnet sich auf einen großen Horizont des Guten hin und macht sich auf den Weg zu seiner Erfüllung. Nur Mut, vorwärts mit dem Gebet. Jesus ist immer an unserer Seite.

 

 

 

Quelle: www.vatican.va

 

Audienz VOM 07.10.2020

 

 Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

 

Wir nehmen heute die Katechesen über das Gebet wieder auf, die wir unterbrochen hatten für die Katechesen über die Sorge für die Schöpfung. Jetzt wollen wir also wieder zu ihnen zurückkehren. Und wir begegnen dabei einer der imposantesten Gestalten der ganzen Heiligen Schrift: dem Propheten Elija. Er geht über die Grenzen seiner Zeit hinaus, und wir können seine Gegenwart auch in einigen Episoden des Evangeliums erkennen. Er erscheint an der Seite Jesu, zusammen mit Mose, bei der Verklärung (vgl. Mt 17,3). Jesus selbst nimmt Bezug auf seine Gestalt, um das Zeugnis von Johannes dem Täufer zu beglaubigen (vgl. Mt 17,10-13).

 

In der Bibel erscheint Elija ganz plötzlich, auf geheimnisvolle Weise. Er stammt aus einem kleinen, völlig unbedeutenden Dorf (vgl. 1 Kön 17,1); und am Ende entschwindet er unter den Augen seines Schülers Elischa auf einem feurigen Wagen, der ihn in den Himmel bringt (vgl. 2 Kön 2,11-12). Er ist also ein Mann ohne genaue Herkunft und vor allem ohne ein Ende, der in den Himmel entrückt wird: Daher erwartete man seine Wiederkunft vor der Ankunft des Messias, gleichsam als Vorläufer. So erwartete man die Wiederkunft des Elija. Die Heilige Schrift präsentiert uns Elija als einen Mann mit glasklarem Glauben: Schon in seinem Namen, der bedeuten könnte »Jahwe ist Gott«, ist das Geheimnis seiner Sendung enthalten.

 

So wird er sein ganzes Leben lang sein: ein sehr aufrichtiger Mann, unfähig zu billigen Kompromissen. Sein Symbol ist das Feuer, Bild der reinigenden Macht Gottes. Er wird zunächst auf eine harte Probe gestellt werden und treu bleiben. Er ist das Vorbild aller gläubigen Menschen, die Versuchungen und Leiden kennen, aber dem Ideal nicht untreu werden, für das sie geboren sind. Das Gebet ist der Lebenssaft, aus dem sich sein Dasein beständig speist. Daher ist er eine der Gestalten, die der monastischen Tradition besonders am Herzen liegen, so dass einige ihn zum geistlichen Vater des gottgeweihten Lebens erwählt haben. Elija ist der Mann Gottes, der sich zum Verteidiger des Primats des Allerhöchsten erhebt. Dennoch ist auch er gezwungen, seine eigenen Schwächen in Rechnung zu stellen. Es ist schwer zu sagen, welche Erfahrungen für ihn nützlicher gewesen sind: der Sieg über die falschen Propheten auf dem Berg Karmel (vgl. 1 Kön 18,20-40) oder die Verwirrung, in der er feststellt, dass er nicht besser ist als seine Väter (vgl. 1 Kön 19,4).

 

Im Herzen des Beters ist das Bewusstsein um die eigene Schwäche wertvoller als die Augenblicke der Begeisterung, wenn das Leben ein erfolgreicher Ritt von Sieg zu Sieg zu sein scheint. So ist es immer im Gebet: Augenblicke des Gebets, die wir tief empfinden und die uns aufrichten, auch Augenblicke der Begeisterung, und Augenblicke des Gebets im Schmerz, in der Trockenheit, in der Prüfung. So ist das Gebet: sich von Gott tragen lassen, aber auch die Hiebe aushalten von schlimmen Situationen und auch von Versuchungen. Diese Wirklichkeit findet sich in vielen anderen biblischen Berufungen wieder, auch im Neuen Testament – denken wir zum Beispiel an den heiligen Petrus und an den heiligen Paulus. Auch ihr Leben war so: Augenblicke der Begeisterung und Augenblicke der Erniedrigung, des Leidens.

 

Elija ist ein Mann des kontemplativen und gleichzeitig des aktiven Lebens, besorgt um die Ereignisse seiner Zeit, fähig, sich gegen den König und die Königin zu wenden, nachdem diese Nabot töten ließen, um seinen Weinberg in ihren Besitz zu bringen (vgl. 1 Kön 21,1-24). Wie sehr brauchen wir Gläubige, eifrige Christen, die angesichts von Menschen, die Führungsverantwortung tragen, mit dem Mut des Elija handeln, um zu sagen: »Das darf man nicht tun! Das ist Mord!« Wir brauchen den Geist des Elija. Er zeigt uns, dass es im Leben des Beters keine Zweiteilung geben darf: Man steht vor dem Herrn und man geht den Brüdern und Schwestern entgegen, zu denen er uns sendet. Das Gebet bedeutet nicht, sich mit dem Herrn einzuschließen, um sich die Seele zu schminken: Nein, das ist kein Gebet, das ist ein vorgetäuschtes Gebet. Das Gebet ist eine Auseinandersetzung mit Gott und ein Sich-Senden-Lassen, um den Brüdern und Schwestern zu dienen.

 

Der Prüfstein des Gebets ist die konkrete Nächstenliebe. Und umgekehrt: Die Gläubigen handeln in der Welt, nachdem sie zuerst geschwiegen und gebetet haben; sonst ist ihr Handeln impulsiv, ist es ohne Urteilsvermögen, ist es ein mühevolles Rennen ohne Ziel. Die Gläubigen verhalten sich so, sie tun viel Unrecht, weil sie nicht erst zum Herrn gegangen sind, um zu beten, um zu erkennen, was sie tun sollen. Was in der Bibel steht, lässt vermuten, dass auch Elijas Glaube einen Fortschritt gekannt hat: Auch er ist im Gebet gewachsen, hat es allmählich verfeinert.

 

Das Antlitz Gottes ist für ihn auf dem Weg deutlicher geworden. Bis zum Höhepunkt in jener wunderbaren Erfahrung als Gott sich Elija auf dem Berg offenbart (vgl. 1 Kön 19,9-13). Er offenbart sich nicht im heftigen Sturm, nicht im Erdbeben oder im verzehrenden Feuer, sondern im »sanften, leichten Säuseln« (V. 12). Oder eine bessere Übersetzung, die jene Erfahrung gut widerspiegelt: in einem Hauch klangvoller Stille. So offenbart Gott sich Elija. Mit diesem demütigen Zeichen teilt Gott sich Elija mit, der in jenem Augenblick ein fliehender Prophet ist, der den Frieden verloren hat. Gott kommt einem müden Mann entgegen – einem Mann, der meinte, an allen Fronten gescheitert zu sein, und mit jenem sanften Säuseln, mit jenem Hauch klangvoller Stille lässt er wieder Ruhe und Frieden in sein Herz einziehen.

 

Das ist die Geschichte von Elija, aber sie scheint für uns alle geschrieben zu sein. Manchmal können wir uns am Abend nutzlos und einsam fühlen. Dann kommt das Gebet und klopft an die Tür unseres Herzens. Ein Stückchen von Elijas Mantel können wir alle erhaschen, so wie sein Schüler Elischa die Hälfte seines Mantels erhascht hat. Und auch wenn wir einen Fehler gemacht haben oder uns bedroht und verängstigt fühlen sollten: Wenn wir uns Gott im Gebet wieder zuwenden, kehren wie durch ein Wunder auch die Ruhe und der Frieden zurück. Das ist es, was Elijas Vorbild uns lehrt.

 

 

Quelle: www.vatican.va

 

Audienz VOM 30.09.2020

 

Liebe Brüder und Schwestern, wenn Jesus die Menschen von ihren Krankheiten und körperliche Gebrechen heilte, machte er sie auch in ihrem Inneren gesund, indem er ihnen die Sünden vergab und ihre sozialen Nöte in den Blick nahm. Jesus, der alle Geschöpfe erneuert und versöhnt, gibt uns die Gaben, die wir brauchen, um zu lieben und zu heilen, wie er es tat (vgl. Lk 10,1-9; Joh 15,9-17). Wir alle können mit unseren Gaben und Fähigkeiten zur Heilung der Beziehungen beitragen. Wir wollen die Gesellschaft erneuern und nicht einfach zur so genannten „Normalität“ zurückkehren, denn diese Normalität war krank vor Ungerechtigkeit, Ungleichheit und Umweltzerstörung. Die Normalität, zu der wir berufen sind, ist die des Reiches Gottes, wo „die Blinden wieder sehen, die Lahmen wieder gehen, die Aussätzigen rein werden und den Armen das Evangelium verkündet wird“ (vgl. Mt 11,5). In der Normalität des Reiches Gottes reicht das Brot für alle, weil jeder das Seine beiträgt und alles gerecht geteilt wird (vgl. Mt 14,13-21). Wir brauchen dringend eine gute Politik und eine Sozialordnung, die Teilhabe, Fürsorge und Großzügigkeit statt Gleichgültigkeit, Ausbeutung und Eigeninteresse belohnen. Denn nur eine faire und gerechte Gesellschaft ist eine gesunde Gesellschaft.

 

 

Quelle: www.vatican.va

 

Audienz VOM 23.09.2020

 

Liebe Brüder und Schwestern, um die gegenwärtige Krise gut zu überwinden, braucht es neben der Solidarität auch die Subsidiarität. Es gibt nämlich keine echte Solidarität ohne die Beteiligung aller. Jeder hat Verantwortung zu übernehmen, sowohl als Einzelner, wie auch als Glied der Gesellschaft und gemäß der Rolle, die er in ihr hat, entsprechend seinen Grundsätzen und seinem Glauben. Jeder muss die Möglichkeit haben, seinen Beitrag zu leisten und sich zum Wohl der Gesellschaft einzubringen. Keine soziale Gruppe darf daran gehindert werden, was leider allzu oft wegen wirtschaftlicher oder geopolitscher Interessen geschieht. Um eine Krise besser zu bewältigen, muss also die Subsidiarität zur Anwendung kommen, d.h. die Autonomie und die Fähigkeit zur Eigeninitiative sind zu respektieren, besonders gegenüber den schwächeren Teilen der Gesellschaft. Gerade sie sind wichtig, wie uns das paulinische Bild vom Leib und den Gliedern (vgl. 1 Kor 12,22) sagt. Die Beteiligung der mittleren und niedrigeren Ebenen hilft, gewissen negativen Aspekten der Globalisierung und des Handelns der Staaten vorzubeugen. Wenn die Subsidiarität gelebt wird, schenkt sie Hoffnung auf eine heile und gerechte Zukunft. So wollen wir auf eine Zukunft hinarbeiten, wo lokale und globale Dimension sich gegenseitig bereichern.

 

 

 

 

 

Quelle: www.vatican.va

 

Audienz VOM 16.09.2020

 

Liebe Brüder und Schwestern, die Pflegeberufe spielen eine wesentliche Rolle für unsere Gesellschaft, auch wenn ihnen oft nicht die Anerkennung zuteilwird, die sie verdienen. Zu Sorge und Fürsorge sind wir alle gerufen, und diese Haltung sollten wir auch unserem gemeinsamen Haus, der Erde, entgegenbringen. Alles Leben steht in einem tiefen gegenseitigen Zusammenhang, und unsere Gesundheit hängt von der Gesundheit der Ökosysteme ab, die Gott geschaffen und die zu hüten er uns aufgetragen hat (vgl. Gen 2,15). Der Missbrauch der Schöpfung ist daher eine schwere Sünde. Das beste Gegenmittel ist eine kontemplative Betrachtungsweise, die uns lehrt, in Ruhe die Schönheit der Schöpfung zu bestaunen und den Wert zu erkennen, den die Geschöpfe in sich selbst haben und der weit über ihren bloßen Nutzen für uns hinausgeht. Dieser innere Wert der Dinge kommt ihnen von Gott her zu und ist unabhängig von unserer Bewertung. Eine solche Betrachtungsweise bewahrt uns auch vor einem hochmütigen Anthropozentrismus, der den Menschen absolut setzt und früher oder später dazu führt, dass er den Platz Gottes einnehmen will. Die Kontemplation lässt uns aus Gottes Perspektive – und das heißt: voll Liebe und Wohlwollen – auf seine Schöpfung schauen und entsprechend sorgsam mit ihr umgehen. Und schließlich führt uns ein solcher Blick auf die Schöpfung über die Schöpfung hinaus: Sie verweist auf den Schöpfer, auf ihn, der unser aller Ursprung und Vollender ist.

 

 

 

 

Quelle: www.vatican.va

 

Audienz VOM 09.09.2020

 

 

Liebe Brüder und Schwestern,

 

die christliche Antwort auf die gegenwärtige Krise findet ihre Grundlegung in der Liebe Gottes, die uns immer vorausgeht. Er liebt uns bedingungslos und, wenn wir diese göttliche Liebe annehmen, können wir nicht nur die lieben, die uns nahestehen, sondern sogar unsere Feinde. Es handelt sich hierbei um eine Kunst, in der wir beständig wachsen müssen. Die Liebe beschränkt sich nicht nur auf die Beziehung zwischen zwei Personen, sondern sie umfasst auch die zivile und politische Dimension. Sie befruchtet die Familien und die Freundschaften, aber auch die gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse, um eine Zivilisation der Liebe zu erbauen, die auf dem Gemeinwohl gründet. Es ist die Pflicht jedes Einzelnen, hierzu beizutragen. Der heilige Ignatius von Loyola lehrt in diesem Sinne, dass die Ausrichtung der täglichen Mühen auf das Gemeinwohl eine Art ist, zur Ehre Gottes zu wirken. Auch die bescheidenste Geste kann so helfen, die Liebe Gottes in dieser Welt sichtbar zu machen, die sie von ihren Übeln heilen kann.

 

 

 

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Audienz VOM 02.09.2020

 

 

Liebe Brüder und Schwestern,

 

die gegenwärtige Pandemie zeigt, wie sehr wir alle miteinander verbunden sind – im Schlechten wie im Guten. Daher können wir nur gemeinsam und solidarisch diese Krise überwinden. Solidarität ist mehr als die ein oder andere großzügige Geste. Es geht dabei um eine Mentalität, eine Gesinnung des „Wir“, für die jeder Mensch gleich wichtig und wertvoll ist. Solidarität bedeutet also auch Gerechtigkeit (vgl. KKK 1938-1940). Mit der Erzählung vom Turmbau zu Babel (vgl. Gen 11,1-9) führt uns die Bibel vor Augen, was passiert, wenn wir „hoch hinaus“ wollen, dabei aber die Verbindung mit den Mitmenschen, mit der Schöpfung und mit dem Schöpfer ignorieren. Im Gegensatz zu Babel steht das Pfingstereignis (vgl. Apg 2,1-3). Der Heilige Geist kommt wie Wind und Feuer von oben auf die Apostel herab, erfüllt sie mit der Kraft Gottes und drängt die ängstlich verschlossene Gesellschaft, hinauszugehen und Jesus, den Herrn, überall zu verkünden. Der Geist schafft Einheit in Vielfalt, denn jeder ist mit seiner Eigenheit wichtig für den Aufbau der Gemeinschaft. Eine solche solidarische Vielfalt verhindert zum einen, dass die Einzigartigkeit jedes Einzelnen in Individualismus und Egoismus abdriftet. Zum anderen saniert sie jene sozialen Strukturen und Prozesse, die zu Systemen von Ungerechtigkeit und Unterdrückung degeneriert sind (vgl. Kompendium der Soziallehre der Kirche, 192). Der Heilige Geist verleihe uns die Kreativität, neue Formen familiärer Gastfreundschaft und universaler Solidarität zu entwickeln.

 

 

 

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Audienz VOM 26.08.2020

 

 

Liebe Brüder und Schwestern,

 

in unseren Mittwochskatechesen befassen wir uns zurzeit mit der Frage, wie die Kirche zur Heilung der durch die Pandemie verstärkt auftretenden sozialen Krankheiten, wie Ungleichheit und Ausgrenzung der Ärmsten, beitragen kann. Es gilt, vor allem Zeichen der Hoffnung zu setzen. Die sozialen Krankheiten sind Frucht eines ungerechten wirtschaftlichen Wachstums, das grundlegende menschliche Werte missachtet. Dass einige wenige sehr Reiche mehr besitzen als der Rest der Menschheit ist ein himmelschreiendes Unrecht. Darüber hinaus führt die soziale Ungleichheit in gleichem Maße zur Schädigung der Umwelt, zum Verlust der Biodiversität, zum Klimawandel, zum Anstieg des Meeresspiegels und zur Zerstörung der tropischen Regenwälder. Gott hat die Erde uns allen geschenkt, damit wir sie wie einen Garten kultivieren und bewahren. Die Ansprüche des Einzelnen müssen daher gegenüber dem Gemeinwohl zurücktreten. Wenn die Besessenheit des Habens und Herrschens Millionen von Menschen vom Lebensnotwendigen ausschließt, wenn die wirtschaftliche und technologische Ungleichheit das soziale Netz zerreißt, wenn die Abhängigkeit von einem grenzenlosen Wachstum das gemeinsame Haus gefährdet, dann können wir nicht schweigen. Wir müssen gemeinsam handeln. Wenn wir wie die ersten Christen in der Apostelgeschichte zusammenlegen, was wir besitzen, damit kein Bedürftiger darben muss, können wir wahrhaftig Hoffnung wecken und wieder eine gesundere und gerechtere Welt errichten.

 

 

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Audienz VOM 19.08.2020

 

Liebe Brüder und Schwestern, die Pandemie hat die schwierige Lage der Armen und die große Ungleichheit in der Welt deutlich aufgezeigt. Es braucht daher nicht nur Lösungen zur Bekämpfung des Krankheitserregers, sondern auch Heilmittel gegen das „große Virus“ der sozialen Ungerechtigkeit und Ausgrenzung der Ärmsten. Nach dem Vorbild Jesu ist die Zuwendung zu den Armen, Geringen, Kranken und Ausgegrenzten ein entscheidendes Kriterium christlicher Authentizität (vgl. Evangelii gaudium 195). Die vorrangige Option für die Armen entspringt der Liebe Gottes und ist nicht die Aufgabe einiger weniger, sondern Sendung der ganzen Kirche. So geht diese Option über die notwendige konkrete Unterstützung hinaus und bedeutet, dass wir gemeinsam mit den Armen unterwegs sind, dass wir uns von den Notleidenden evangelisieren, von ihrer Erfahrung des Heils, ihrer Weisheit und Kreativität „anstecken“ lassen (vgl. ebd., 198). Wir müssen zusammenarbeiten, um kranke soziale Strukturen zu heilen und zu verändern. So stellt die Rückkehr zur Normalität eine Chance dar, etwas Neues aufzubauen, eine Wirtschaft zu schaffen, die wirklich die Menschen ins Zentrum stellt und eine echte ganzheitliche Entwicklung der Armen fördert. Ausgehend von der Liebe Gottes wird eine heilere Welt möglich sein.

 

 

Quelle: www.vatican.va

 

Audienz VOM 12.08.2020

 

Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

 

Die Pandemie hat deutlich gezeigt, wie verwundbar wir sind und wie sehr wir alle miteinander verbunden sind. Wenn wir nicht füreinander Sorge tragen, begonnen bei den Geringsten, bei jenen, die am meisten betroffen sind, einschließlich der Schöpfung, dann können wir die Welt nicht heilen. Lobenswert ist der Einsatz so vieler Menschen, die in diesen Monaten die menschliche und christliche Liebe zum Nächsten unter Beweis stellen, indem sie sich um die Kranken kümmern, auch wenn sie dabei ihre eigene Gesundheit gefährden. Sie sind Helden!

 

Das Coronavirus ist aber nicht die einzige Krankheit, die bekämpft werden muss, sondern die Pandemie hat größere – nämlich soziale – Krankheiten ans Tageslicht gebracht. Eine davon ist die verzerrte Sicht auf den Menschen: eine Sicht, die seine Würde und sein auf Beziehung beruhendes Wesen außer Acht lässt. Manchmal betrachten wir die anderen wie Gegenstände, die benutzt und weggeworfen werden können. In Wirklichkeit macht diese Sichtweise blind und fördert eine individualistische und aggressive Wegwerfkultur, die den Menschen zu einem Konsumgut macht (vgl. Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium, 53; Enzyklika Laudato si’, 22).

 

Im Licht des Glaubens wissen wir dagegen, dass Gott den Mann und die Frau auf eine andere Weise sieht. Er hat uns nicht als Gegenstände erschaffen, sondern als geliebte Personen, die ihrerseits fähig sind zu lieben; er hat uns nach seinem Bild, ihm ähnlich erschaffen (vgl. Gen 1,27). Auf diese Weise hat er uns eine einzigartige Würde geschenkt und uns eingeladen, in Gemeinschaft mit ihm zu leben, in Gemeinschaft mit unseren Schwestern und unseren Brüdern, in der Achtung der ganzen Schöpfung. In Gemeinschaft, in Harmonie, können wir sagen. Die Schöpfung ist eine Harmonie, in der zu leben wir aufgerufen sind. Und in dieser Gemeinschaft, in dieser Harmonie, die Gemeinschaft ist, schenkt Gott uns die Fähigkeit, Leben zu schenken und zu bewahren (vgl. Gen 1,28-29), zu arbeiten und für die Erde Sorge zu tragen (vgl. Gen 2,15; Laudato si’, 67). Natürlich kann man das Leben nicht hervorbringen und bewahren ohne die Harmonie; es wird zerstört.

 

Von dieser individualistischen Sicht, von dem, was keine Harmonie ist, haben wir ein Beispiel in den Evangelien, in der Bitte, die die Mutter der Jünger Jakobus und Johannes an Jesus richtet (vgl. Mt 20,20-28). Sie möchte, dass ihre Söhne rechts und links neben dem neuen König sitzen dürfen. Aber Jesus schlägt eine andere Sicht vor: die Sicht zu dienen und sein Leben für die anderen hinzugeben. Und er bestätigt dies, indem er gleich darauf zwei Blinden das Augenlicht zurückgibt und sie zu seinen Jüngern macht (vgl. Mt 20,29-34).

 

Zu versuchen, im Leben nach oben zu kommen, den anderen überlegen zu sein, zerstört die Harmonie. Es ist die Logik der Herrschaft, die anderen zu beherrschen. Die Harmonie ist etwas anderes: Sie ist das Dienen. Bitten wir also den Herrn, uns Augen zu schenken, die achtgeben auf die Brüder und Schwestern, besonders auf jene, die leiden. Als Jünger Jesu wollen wir weder gleichgültig noch individualistisch sein: Das sind zwei schlimme Haltungen, die gegen die Harmonie gehen. Gleichgültig: Ich wende den Blick ab. Individualistisch: Nur auf das eigene Interesse schauen. Die von Gott geschaffene Harmonie bittet uns, die anderen anzublicken, die Nöte der anderen, die Probleme der anderen, in Gemeinschaft zu sein. Wir wollen in jedem Menschen, unabhängig von seiner Hautfarbe, Sprache oder sozialen Stellung, die menschliche Würde erkennen. Die Harmonie bringt dich dazu, die menschliche Würde zu erkennen, jene von Gott geschaffene Würde, mit dem Menschen im Mittelpunkt.

 

Das Zweite Vatikanische Konzil hebt hervor, dass diese Würde unveräußerlich ist, weil sie »›nach dem Bild Gottes‹ geschaffen ist« (Pastorale Konstitution Gaudium et spes, 12). Sie ist die Grundlage des ganzen sozialen Lebens und bestimmt seine operativen Grundsätze. In der modernen Kultur ist der Bezugspunkt, der dem Prinzip der unveräußerlichen Würde des Menschen am nächsten ist, die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, die der heilige Johannes Paul II. als einen »Meilenstein auf dem langen und schwierigen Weg der Menschheit« (Ansprache an die Vollversammlung der Vereinten Nationen, 2. Oktober 1979, 7) bezeichnet hat und als »eine der höchsten Ausdrucksformen des menschlichen Gewissens« (Ansprache an die Vollversammlung der Vereinten Nationen, 5. Oktober 1995, 2).

 

Die Rechte sind nicht nur individuell, sondern auch sozial; es sind die Rechte der Völker, der Nationen (vgl. Kompendium der Soziallehre der Kirche, 157). Denn der Mensch in seiner persönlichen Würde ist ein soziales Wesen, geschaffen nach dem Bild des dreieinigen Gottes. Wir sind soziale Wesen, wir haben das Bedürfnis, in dieser sozialen Harmonie zu leben. Aber wenn Egoismus vorhanden ist, dann geht unser Blick nicht zu den anderen, zur Gemeinschaft, sondern er kehrt zu uns selbst zurück, und das macht uns hässlich, böse, egoistisch und zerstört die Harmonie. Dieses erneuerte Bewusstsein um die Würde eines jeden Menschen hat ernsthafte soziale, wirtschaftliche und politische Auswirkungen. Den Bruder und die ganze Schöpfung als von der Liebe des Vaters empfangenes Geschenk zu betrachten bringt ein Verhalten hervor, das von Aufmerksamkeit, Fürsorge und Staunen geprägt ist.

 

So blickt der Gläubige, indem er den Nächsten als Bruder und nicht als Fremden betrachtet, auf ihn mit Mitgefühl und Empathie, nicht mit Verachtung oder Feindseligkeit. Und indem er die Welt im Licht des Glaubens betrachtet, bemüht er sich, mit Hilfe der Gnade seine Kreativität und seine Begeisterung zu entwickeln, um die Dramen der Geschichte zu lösen. Er versteht und entwickelt seine Fähigkeiten als Verantwortungen, die seinem Glauben entspringen (vgl. ebd.), als Gaben Gottes, die in den Dienst der Menschheit und der Schöpfung gestellt werden müssen. Während wir alle etwas für den Schutz vor einem Virus tun, das alle ohne Unterschied betrifft, ermahnt uns der Glaube, uns ernsthaft und tatkräftig dafür einzusetzen, der Gleichgültigkeit gegenüber den Verletzungen der Würde des Menschen entgegenzuwirken.

 

Die Kultur der Gleichgültigkeit, die die Wegwerfkultur begleitet: Die Dinge, die mich nicht betreffen, interessieren mich nicht. Der Glaube verlangt immer, uns von unserem Individualismus – sowohl auf persönlicher als auch auf kollektiver Ebene – heilen und bekehren zu lassen; von einem parteilichen Individualismus zum Beispiel. Möge der Herr uns »das Augenlicht zurückgeben«, um neu zu entdecken, was es bedeutet, Glieder der Menschheitsfamilie zu sein. Und möge dieser Blick zu konkretem Handeln werden: zu Taten des Mitgefühls und der Achtung für jeden Menschen und zur Bewahrung und zum Schutz unseres gemeinsamen Hauses.

 

Quelle: www.vatican.va

 

Audienz VOM 05.08.2020

 

Liebe Brüder und Schwestern,

 

die Pandemie der vergangenen Monate hat uns die Verwundbarkeit der Menschheit vor Augen geführt. Es sind Krankheiten in unserem sozialen Gefüge entstanden, und wir wollen in den kommenden Katechesen versuchen, im Licht des Evangeliums sowie mit den göttlichen Tugenden und den Prinzipien der christlichen Soziallehre eine Antwort darauf zu finden. Jesus Christus hat uns das Reich Gottes verkündet, das Gerechtigkeit und Frieden, Heilung und Heil bringt. Dieses Reich zeigt sich in Werken der Nächstenliebe, die ihrerseits die Hoffnung wachsen lassen und den Glauben stärken. Die Begegnung mit der Heilsbotschaft lädt uns wieder neu ein, mit Kreativität und Erneuerungswillen die ungerechten Strukturen wie auch das destruktive Verhalten, die unter uns Spaltungen hervorriefen und die menschliche Familie sowie den Planeten bedrohen, von innen her zu überwinden. Das Wirken Jesu ist uns darin ein Vorbild. Wir sehen, dass die Krankenheilungen nicht nur das Körperliche betreffen. Jesus hat immer den Menschen als Ganzes im Blick und schenkt auch geistliche Heilung. Die Kirche ist berufen, „in der Kraft des Heiligen Geistes sein Heilungs- und Heilswerk fortzusetzen“ (KKK 1421). Ihr Auftrag ist es, die „sozialen Krankheiten“ zu bekämpfen und die Prinzipien der Menschenwürde, des Gemeinwohls, der vorrangigen Option für die Armen, der allgemeinen Bestimmung der Güter, der Solidarität und Subsidiarität sowie der Sorge für das gemeinsame Haus zu wahren und zu befördern. 

 

Quelle: www.vatican.va

 

Audienz VOM 24.06.2020

 

Liebe Brüder und Schwestern, heute wollen wir die Gestalt des Königs David und sein Beten näher betrachten. Schon als junger Mann wird er von Gott auserwählt, um eine einzigartige Sendung zu erfüllen, die in der Geschichte des Gottesvolkes und in unserem Glauben eine zentrale Rolle einnimmt, denn aus der Nachkommenschaft Davids geht der Messias hervor. Daher wird Jesus in den Evangelien auch mehrfach „Sohn Davids“ genannt. Bereits als junger Hirte lobt David Gott mit dem Spiel seiner Leier. Auch dann als König lebt er im Bewusstsein, Hirte seines Volkes zu sein, der für es sorgt und es vor Gefahren schützt. Er ist der König „nach dem Herzen Gottes“, der für sein Volk in dessen Namen betet (vgl. KKK 2579). Obgleich David sich nicht immer des hohen Amtes würdig erweist und sich in schwere Schuld verstrickt, durchzieht sein Leben ein roter Faden: Immer bleibt er mit Gott im Gespräch und übergibt ihm darin Freude und Schuld, Liebe und Leiden, Freundschaft und Krankheit. So ist David auch der Schöpfer der Psalmen, in denen zum Ausdruck kommt, dass er als Heiliger und Sünder die Verbindung mit Gott aufrecht hält, der ihn stets begleitet und niemals allein lässt.

 

 

Quelle: www.vatican.va

 

Audienz VOM 17.06.2020

 

Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

 

Auf unserem Weg zum Thema des Gebets merken wir, dass Gott es nie gerne mit »unkomplizierten« Betern zu tun hatte. Und auch Mose wird kein »schwacher« Gesprächspartner sein, vom ersten Tag seiner Berufung an.

 

Als Gott ihn beruft, ist Mose menschlich betrachtet ein »Versager«. Das Buch Exodus stellt ihn uns als Flüchtling im Land Midian vor Augen. Als junger Mann hatte er Mitleid gehabt mit seinem Volk und hatte sich auch auf die Seite der Unterdrückten gestellt. Aber schnell entdeckt er, dass trotz der guten Vorsätze aus seinen Händen keine Gerechtigkeit, sondern allenfalls Gewalt hervorgeht. Hier zerbrechen die Träume von Ruhm und Herrlichkeit: Mose ist kein vielversprechender Funktionär mehr, der zu einer raschen Karriere bestimmt ist, sondern jemand, der seine Chancen verspielt hat und jetzt eine Herde weidet, die nicht einmal die seine ist. Und genau dort, in der Stille der Wüste von Midian, ruft Gott Mose in der Offenbarung des brennenden Dornbusches: »Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs. Da verhüllte Mose sein Gesicht; denn er fürchtete sich, Gott anzuschauen« (Ex 3,6).

 

Dem Gott, der spricht, der ihn auffordert, wieder Sorge zu tragen für das Volk Israel, bringt Mose seine Ängste, seine Einwände entgegen: Er ist jener Sendung nicht würdig, er kennt den Namen Gottes nicht, die Israeliten werden ihm nicht glauben, er hat eine stammelnde Sprache… Und so hat er viele Einwände. Das Wort, das auf den Lippen des Mose am häufigsten zu vernehmen ist, in jedem Gebet, das er an Gott richtet, ist die Frage: »Warum?« Warum hast du mich gesandt? Warum willst du dieses Volk befreien? Im Pentateuch gibt es sogar einen dramatischen Abschnitt, wo Gott Mose seinen Mangel an Vertrauen vorhält – einen Mangel, der ihm den Eintritt in das Gelobte Land verwehren wird (vgl. Num 20,12).

 

Wie kann Mose mit diesen Ängsten, mit diesem oft wankelmütigen Herzen beten? Mose scheint sogar ein Mensch wie wir zu sein. Und auch das passiert uns: Wenn wir Zweifel haben, wie können wir dann beten? Es gelingt uns nicht zu beten. Und nicht nur wegen seiner Stärke, sondern gerade wegen dieser Schwäche beeindruckt Mose uns. Obgleich er von Gott beauftragt ist, seinem Volk das Gesetz weiterzugeben, als Religionsstifter, als Mittler der höchsten Geheimnisse, wird er dennoch nicht aufhören, enge Bande der Solidarität mit seinem Volk zu unterhalten, besonders in der Stunde der Versuchung und der Sünde. Stets mit dem Volk verbunden. Mose hat nie die Erinnerung an sein Volk verloren. Und das ist eine Größe der Hirten: das Volk nicht zu vergessen, die Wurzeln nicht zu vergessen. Es ist das, was Paulus zu seinem geliebten jungen Bischof Timotheus sagt: »Erinnere dich an deine Mutter und an deine Großmutter, an deine Wurzeln, an dein Volk.« Mose ist Gott so nah, dass er von Angesicht zu Angesicht mit ihm sprechen kann (vgl. Ex 33,11); und er wird den Menschen so nah bleiben, dass er Erbarmen für ihre Sünden, für ihre Versuchungen empfinden wird, für die plötzliche Sehnsucht nach der Vergangenheit, wenn sie nach ihrem Auszug an die Zeit zurückdenken, als sie in Ägypten waren. Mose verleugnet Gott nicht, aber er verleugnet auch sein Volk nicht. Er steht konsequent zu seinem Volk, er steht konsequent zur Stimme Gottes. Mose ist also kein autoritärer und despotischer Anführer; ja, das Buch Numeribezeichnet ihn sogar als »demütiger als alle Menschen auf der Erde« (vgl. 12,3).

 

Trotz seiner privilegierten Position hört Mose nicht auf, zu jener Schar der Armen vor Gott zu gehören, die in ihrem Leben das Vertrauen auf Gott zu ihrer Wegzehrung machen. Er ist ein Mann des Volkes. So ist die Mose eigene Form zu beten die Fürsprache (vgl. Katechismus der Katholischen Kirche, 2574). Sein Glaube an Gott ist eins mit dem Gefühl der Vaterschaft, das er seinem Volk gegenüber hegt. Die Schrift stellt ihn gewöhnlich mit zu Gott erhobenen Händen dar, gleichsam als würde er mit seiner Person eine Brücke zwischen Himmel und Erde bilden. Auch in den schwierigsten Augenblicken, sogar an dem Tag, an dem das Volk Gott und ihn selbst als Anführer verstößt, um sich ein goldenes Kalb zu machen, möchte Mose sein Volk nicht aufgeben. Es ist mein Volk. Es ist dein Volk. Es ist mein Volk. Und er verleugnet weder Gott noch das Volk. Und er sagt zu Gott: »Ach, dieses Volk hat eine große Sünde begangen. Götter aus Gold haben sie sich gemacht. Jetzt nimm ihre Sünde von ihnen! Wenn nicht, dann streich mich aus dem Buch, das du geschrieben hast« (Ex 32,31-32).

 

Mose tauscht das Volk nicht ein. Er ist die Brücke, er ist der Fürsprecher. Beide, das Volk und Gott, und er dazwischen. Er verkauft sein Volk nicht, um Karriere zu machen. Er ist kein Emporkömmling, sondern ein Fürsprecher: für seine Leute, für sein Fleisch und Blut, für seine Geschichte, für sein Volk und für Gott, der ihn berufen hat. Er ist die Brücke. Was für ein schönes Vorbild für alle Hirten, die eine »Brücke« sein müssen. Daher nennt man sie »pontifex«, Brückenbauer. Die Hirten sind Brücken zwischen dem Volk, zu dem sie gehören, und Gott, zu dem sie aus Berufung gehören. So ist Mose: »Vergib, Herr, ihre Sünde, wenn nicht, dann streich mich aus dem Buch, das du geschrieben hast. Ich will keine Karriere machen mit meinem Volk.«

 

Und das ist das Gebet, das die wahren Gläubigen in ihrem geistlichen Leben pflegen. Auch wenn sie die Verfehlungen der Menschen und ihre Gottesferne erfahren, verurteilen diese Beter sie nicht, lehnen sie nicht ab. Die Haltung der Fürsprache ist den Heiligen zu eigen, die Jesus nachahmen und »Brücken« zwischen Gott und seinem Volk sind. In diesem Sinne war Mose der größte Prophet Jesu, unser Beistand und Fürsprecher (vgl. Katechismus der Katholischen Kirche, 2577). Und auch heute ist Jesus der »pontifex«, ist er die Brücke zwischen uns und dem Vater. Und Jesus hält Fürsprache für uns, er zeigt dem Vater die Wunden, die der Preis für unser Heil sind, und hält Fürsprache. Und Mose ist ein Bild Jesu, der heute für uns betet, für uns Fürsprache hält.

 

Mose spornt uns an, mit demselben Eifer wie Jesus zu beten, Fürsprache zu halten für die Welt, in Erinnerung zu rufen, dass sie trotz all ihrer Schwächen immer Gott gehört. Alle gehören Gott. Die schlimmsten Sünder, die bösartigsten Menschen, die korruptesten Anführer sind Kinder Gottes, und Jesus spürt das und hält Fürsprache für alle. Und die Welt lebt und gedeiht dank des Segens des Gerechten, des frommen Gebets, dieses frommen Gebets, das der Heilige, der Gerechte, der Fürsprecher, der Priester, der Bischof, der Papst, der Laie, jeder Getaufte unablässig für die Menschen erhebt, an jedem Ort und zu jeder Zeit der Geschichte. Denken wir an Mose, den Fürsprecher. Und wenn uns das Verlangen überkommt, jemanden zu verurteilen, und wir innerlich zornig werden – zornig werden tut gut, aber verurteilen tut nicht gut –, dann halten wir Fürsprache für ihn: Das wird uns sehr helfen.

  

 

 

Quelle: www.vatican.va

 

Audienz VOM 10.06.2020

 

Liebe Brüder und Schwestern, im Rahmen unserer Mittwochskatechesen über das Gebet betrachten wir heute eine Episode aus dem Alten Testament: das Ringen des Patriarchen Jakob mit Gott bei seiner Rückkehr in das Land seiner Väter. Jakob war schlau und gerissen; ein Mann, dem alles gelang. Weil er sich das Erstgeburtsrecht erschlichen hatte, musste er vor seinem Bruder Esau fliehen, doch im Ausland gelangte er zu Reichtum und Ansehen. Bei seiner Rückkehr kämpfte er des nachts mit einem Unbekannten, der ihn schließlich segnete und ihm einen neuen Namen gab: Israel-Gottesstreiter. Jakob ging aus dem Kampf verändert hervor. Er hinkte, und er war geläutert. Gott führte ihn zur Wahrheit des Sterblichen zurück, der seine Grenzen erkennt und Furcht vor dem Höheren empfindet. So trat Jakob in das gelobte Land ein, verletzlich und verwundet, aber mit einem neuen Herz. »Die geistliche Überlieferung der Kirche hat in dieser Geschichte – so sagt der Katechismus – ein Sinnbild des Gebetes gesehen, insofern dieses ein Glaubenskampf und ein Sieg der Beharrlichkeit ist« (KKK 2573). Auch auf uns wartet eine nächtliche Begegnung mit dem Herrn. Er überrascht uns in einem Augenblick, in dem wir es nicht erwarten. Dann wird uns bewusst, dass wir bedürftige Menschen sind. Aber der Herr schenkt seinen Segen allen, die sich von ihm verändern lassen.

 

 

 

Quelle: www.vatican.va

 

Audienz VOM 03.06.2020

 

Liebe Brüder und Schwestern, in unseren Katechesen über das Gebet schauen wir heute auf das Beispiel des Abraham. Gott ruft Abraham, aus seiner Heimat fortzuziehen. Abraham gehorcht und vertraut dem Herrn, auch wenn ihm Gottes Wille schwierig, ja sogar unverständlich erscheint. Sein Handeln im Vertrauen auf Gottes Wort bildet den Anfang einer neuen Weise, die Beziehung zu Gott zu verstehen und zu leben: Gott spricht, und der Mensch empfängt sein Wort, das in seinem Leben Gestalt annehmen will. Das Leben des Gläubigen begreift sich als Berufung, wo sich eine Verheißung verwirklicht. Das Beten Abrahams ist ein Gebet des Glaubens in beständiger Treue zum Wort, das Gott ihm auf seinem Weg immer wieder zuspricht. In Abrahams Leben wird Glaube zur Geschichte: Der Herr ist ihm nicht mehr ein ferner Gott, sondern er wird zu „seinem“ Gott; er ist der Gott der persönlichen Geschichte Abrahams und leitet ihn als Gott der Vorsehung. So wird Abraham ein Vertrauter des Herrn, der mit ihm sogar diskutieren kann. Abraham ist dabei immer Gott treu, bis hin zur äußersten Prüfung, dem Opfer seines Sohnes Isaak. Es zeigt sich hier, dass „die Prüfung des Glaubens an die Treue Gottes“ (KKK 2570) sich im Beten niederschlägt.

 

 

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Audienz VOM 27.05.2020

 

Liebe Brüder und Schwestern, im Buch Genesis lesen wir von der Ursünde Adams, in der unsere Stammeltern die unendliche Freigebigkeit des Schöpfers in Frage gestellt haben, weil sie so sein wollten wie Gott. Immer weiter breitete sich seitdem das Übel über die ganze Menschheit aus. Wie aus der Sintflut und dem Turmbau zu Babel deutlich wird, wurde das Bedürfnis nach einem Neuanfang immer dringlicher, das in Christus seine volle Erfüllung finden sollte. Die Heilige Schrift berichtet uns neben der in ihre Sünde verstrickten Menschheit auch von einer anderen verborgenen Wirklichkeit: von gerechten, auf den Herrn hoffenden Menschen wie Abel, der ein Gott wohlgefälliges Erstlingsopfer darbringt, oder von Noach, der durch seinen frommen Lebenswandel die Vernichtung der Menschheit abwendet. Das Gebet der Gerechten bildet einen Schutzwall gegen das wachsende Böse in der Welt, denn es richtet den Blick auf den Herrn aus, der Wüsten des Hasses in blühende Gärten verwandeln kann. Die Herrschaft des Herrn durchzieht über die unscheinbare, aber wirkmächtige Kette dieser oftmals ausgegrenzten, unbemerkten Gerechten die Geschichte der Menschheit und wendet ihre Geschicke, um in Christus die Erlösung zu vollbringen.

 

 

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Audienz VOM 20.05.2020

 

Liebe Brüder und Schwestern, unsere heutige Katechese über das Gebet beginnen wir mit einem Blick auf das Geheimnis der Schöpfung. Die einfache Tatsache, dass wir existieren, sowie die Schönheit und Güte alles Seienden öffnen das Herz des Menschen für Gott und regen ihn an zum Gebet (vgl. KKK, 2566). Der biblische Schöpfungsbericht gleicht einem großen Dankhymnus und Lobpreis auf den Schöpfer. Auch in den Psalmen und vielen anderen Stellen der Heiligen Schrift wird deutlich, wie das Staunen des Menschen über die Großartigkeit des Geschaffenen und die unergründliche Allmacht und Liebe des Schöpfers zum Gebet wird. Zugleich wird sich der Beter der eigenen Kleinheit und Bedeutungslosigkeit im großen Ganzen des Kosmos bewusst. Und noch mehr staunt der Mensch über den Wert und die Würde, die ihm dadurch zuteilwird, dass sein Schöpfer ihn so liebevoll bedacht hat. Die Größe des Menschen kommt von Gott. Wenn wir einmal verzagt sind und uns das Beten schwerfällt, dann kann das Betrachten etwa des weiten Sternenhimmels oder einer kleinen Blume in uns Dankbarkeit erwecken und Hoffnung für die Zukunft schenken. Das Gebet gibt der Hoffnung Kraft. Wer betet, erkennt, dass dieses Leben trotz aller Mühen und Prüfungen von Gottes Gnade erfüllt ist.

 

 

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Audienz VOM 19.02.2020

 

Liebe Brüder und Schwestern, heute wollen wir die dritte der Seligpreisungen betrachten, die Jesus bei der Bergpredigt verkündet hat: „Selig die Sanftmütigen, denn sie werden das Land erben“ (Mt 5,5). Die Sanftmütigen haben Jesus Christus in seinem Leidensweg vor Augen, der nicht mit Vergeltung antwortete, als er litt, sondern »seine Sache dem gerechten Richter überließ« (1 Petr 2,23). Die „Sanftmütigen“ sind in der Heiligen Schrift die Gerechten, die nur wenig besitzen im Gegensatz zum Frevler, der im Überfluss lebt (vgl. Ps 37,15). Landbesitz ist ein typisches Feld, wo es zu Konflikten kommen kann. Man streitet über ein Stück Land oder will die Vorherrschaft über ein Gebiet gewinnen. So entstehen auch Kriege, bei denen der Stärkere in der Regel fremde Territorien erobert. Die Seligpreisung spricht dagegen vom Land, das die Sanftmütigen „erben“. Dieses Wort erinnert an ein besonderes Land, an das Gelobte Land, das Gott dem Volk Israel als Erbe gegeben hat. Für das neutestamentliche Volk Gottes wird das „Land“ noch mehr: Es handelt es sich um »einen neuen Himmel und eine neue Erde« (vgl. 2 Petr 3,13; Offb 21,1), zu dem die Sanftmütigen und Gerechten unterwegs sind und in dem der Friede, die Hoffnung, das Vertrauen, die Barmherzigkeit und die Brüderlichkeit wohnen.

 

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Audienz VOM 12.02.2020

 

Heute betrachten wir die zweite der Acht Seligpreisungen: Selig die Trauernden, denn sie werden getröstet werden (Mt 5,4). Die Trauer hat in der Heiligen Schrift eine doppelte Bedeutung. Man trauert, weil einem das Leid und der Tod eines lieben Menschen nahegehen oder man beweint die eigenen Sünden, durch die man Gott und dem Nächsten wehgetan hat. Beiden Aspekten ist gemeinsam, dass die Tränen ein Ausdruck der Liebe sind. Solche Trauer hilft uns dabei, den unersetzlichen Wert und die heilige Würde eines jeden Menschen zu erkennen. Auch die Trauer angesichts der eigenen Sünde, darüber, dass man Böses getan und Gutes unterlassen hat, dass man seine Beziehung zu Gott verraten und zu wenig geliebt hat, ist ein Geschenk Gottes, und die Erkenntnis der eigenen Sünden ist ein Werk des Heiligen Geistes. Denken wir an den heiligen Petrus, wie er weinte, als er erkannte, dass er den Herrn verraten hatte. Aufgrund eben dieser Tränen durfte er in der Liebe reifen. Ephrem der Syrer schrieb einmal, dass ein von Tränen gereinigtes Gesicht unsagbar schön sei. Ja, weise und seligzupreisen ist derjenige, der aus Liebe trauert, denn er wird den Beistand des Heiligen Geistes erfahren, jene Zärtlichkeit Gottes, die vergibt und alles zum Guten führt.

 

Quelle: www.vatican.va

 

Audienz VOM 05.02.2020

 

Liebe Brüder und Schwestern, heute sprechen wir über die erste Seligpreisung: „Selig, die arm sind vor Gott; denn ihnen gehört das Himmelreich“ (Mt 5,3). Wir müssen uns fragen, wer mit den Armen gemeint ist. Der Zusatz „vor Gott“ bzw. „im Geist“, wie es im griechischen Text wörtlich heißt, verweist auf den Lebensgeist, der von Gott geschenkt ist, auf unser tiefstes Menschsein. Arm im Geist ist, wer vor Gott sich in seinem Innersten als Bettler erkennt und seine Grenzen anerkennt. Wie oft hören wir, dass wir jemand sein und uns einen Namen machen müssen. Doch diese Sorge um das eigene Ego macht uns nur einsam und unglücklich. In seiner Selbstgefälligkeit fragt der Stolze nicht um Hilfe, und wie schwer fällt es ihm, einen Fehler zuzugeben und um Vergebung zu bitten. Die Armut im Geist ist eine Gnade, die uns den Ausweg aus dieser Mühe zeigt und das Himmelreich verheißt. Die Reiche dieser Welt bieten Güter und Wohlstand, doch sie vergehen alle. Nur der herrscht wirklich, der das wahre Gut mehr als sich selbst zu lieben weiß. Diese wahre Macht sehen wir an Christus, der sein Leben für die Menschen gibt. Sie bedeutet zugleich wahre Freiheit. Die Armut vor Gott müssen wir annehmen, die konkrete Armut von den Dingen der Welt müssen wir suchen, um wirklich frei zu sein und lieben zu können.

 

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Audienz VOM 29.01.2020

 

Liebe Brüder und Schwestern, heute sprechen wir über die erste Seligpreisung: „Selig, die arm sind vor Gott; denn ihnen gehört das Himmelreich“ (Mt 5,3). Wir müssen uns fragen, wer mit den Armen gemeint ist. Der Zusatz „vor Gott“ bzw. „im Geist“, wie es im griechischen Text wörtlich heißt, verweist auf den Lebensgeist, der von Gott geschenkt ist, auf unser tiefstes Menschsein. Arm im Geist ist, wer vor Gott sich in seinem Innersten als Bettler erkennt und seine Grenzen anerkennt. Wie oft hören wir, dass wir jemand sein und uns einen Namen machen müssen. Doch diese Sorge um das eigene Ego macht uns nur einsam und unglücklich. In seiner Selbstgefälligkeit fragt der Stolze nicht um Hilfe, und wie schwer fällt es ihm, einen Fehler zuzugeben und um Vergebung zu bitten. Die Armut im Geist ist eine Gnade, die uns den Ausweg aus dieser Mühe zeigt und das Himmelreich verheißt. Die Reiche dieser Welt bieten Güter und Wohlstand, doch sie vergehen alle. Nur der herrscht wirklich, der das wahre Gut mehr als sich selbst zu lieben weiß. Diese wahre Macht sehen wir an Christus, der sein Leben für die Menschen gibt. Sie bedeutet zugleich wahre Freiheit. Die Armut vor Gott müssen wir annehmen, die konkrete Armut von den Dingen der Welt müssen wir suchen, um wirklich frei zu sein und lieben zu können.

 

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Liebe Brüder und Schwestern, heute beginnen wir eine neue Reihe von Katechesen über die Seligpreisungen. Sie bilden den Anfang der Bergpredigt und stellen gleichsam den Personalausweis des Christen dar. Der Herr richtet diese Botschaft an seine Jünger wie auch an die vielen Menschen, die ihm zuhören und für die ganze Menschheit stehen. Jesus knüpft dabei an die Zehn Gebote und an das Gesetz des Alten Bundes an, legt uns aber nicht einfach die Beobachtung von Vorschriften auf. Vielmehr offenbart er uns den Weg, seinen Weg zum Glück. Es ist eine Botschaft der Freude, die aber nicht mit vorübergehenden Genüssen zu verwechseln ist. Diese Freude kann nämlich auch mit dem Leiden bestehen, nicht selten ist sie sogar dessen Frucht. Jede der acht Seligpreisungen gliedert sich in drei Teile: Zuerst steht das Wort „selig“, darauf folgt die Situation der Seligen und schließlich wird der Grund für die Seligpreisung genannt. Dieser findet sich nicht in der beschriebenen Situation, sondern im neuen Leben der Gnade, das Gott uns schenkt. Jesus zeigt uns somit in den Seligpreisungen acht „Türen“ auf, die uns oftmals über unsere Niederlagen hin zur österlichen Freude führen, die von Gott her kommt und das Herz des Menschen zu erfüllen vermag. 

 

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Audienz VOM 22.01.2020

 

Liebe Brüder und Schwestern, alljährlich begehen wir zusammen mit vielen anderen christlichen Gemeinschaften die Gebetswoche für die Einheit der Christen. In diesem Jahr wird sie von Malta und Gozo ausgerichtet und hat die „Gastfreundschaft“ zum Thema. Die Insel Malta erinnert uns an eine Episode aus der Apostelgeschichte, als das Schiff, das Paulus nach Rom bringen sollte, nach einem heftigen Sturm auf offener See treibt. Paulus, der vom Herrn berufen ist, das Evangelium bis an die Enden der Erde zu tragen, ermutigt die Mitreisenden, Vertrauen in Gott zu haben, denn „keinem wird ein Haar von seinem Kopf verloren gehen“ (Apg 27,34). So stranden sie auf Malta, bleiben unverletzt und werden von den Bewohnern der Insel mit „ungewöhnlicher Menschenfreundlichkeit“ (28,2) aufgenommen. Die Einheimischen, welche die Botschaft Christi noch nicht kennen, erweisen den Fremden große Aufmerksamkeit und werden so zu einem Zeichen der Vorsehung Gottes. Ihre Gastfreundschaft wird durch wunderbare Heilungen vergolten, die Gott durch Paulus wirkt. Gastfreundschaft ist auch eine wichtige Tugend für die Ökumene. Sie beschenkt den Geber. Wo wir unsere Brüder und Schwestern in Christus aufnehmen, erhalten wir sie als Geschenk zurück. Die geistlichen Gaben, die von ihnen ausgehen, bringen auch für uns reiche Frucht. 

 

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Audienz VOM 15.01.2020

 

Wir beschließen die Katechesenreihe über die Apostelgeschichte mit der letzten Etappe der Missionsreisen des Apostels Paulus, die ihn nach Rom führt. Obwohl er hier unter Hausarrest steht, kann Paulus doch viele Brüder und Schwestern empfangen und im Glauben bestärken und das Evangelium weiter ungehindert und in allem Freimut verkünden. Sein Haus wird so zu einem Bild für die Kirche, die aller Unbill zum Trotz mit ihrem mütterlichen Herzen allen Menschen die Liebe des himmlischen Vaters bezeugt, die in Jesus Christus sichtbar in dieser Welt erschienen ist. Dabei kommt es auch zu einer Begegnung mit Vertretern der jüdischen Gemeinde, und Paulus, selbst ein Jude, versucht ihnen anhand der Schrift darzulegen, dass Jesus Christus die Erfüllung aller Erwartung und Hoffnung des auserwählten Volkes ist. Der irdische Lebensweg des Apostels Paulus geht hier zu Ende, das Evangelium jedoch, das Paulus von Jerusalem nach Rom gebracht hatte, wird seine Reise zu den Völkern vom Herzen des Reiches aus noch wirkungsvoller fortsetzen. Die Reisen des Paulus sind ein Beweis dafür, dass der Glaube alle Situationen verwandeln und immer neue Wege eröffnen kann, dass selbst menschliche Schwäche und Begrenztheit sowie alle äußeren Hindernisse zum Ort des Heils werden können, weil gerade dort die Kraft und Macht Gottes in besonderer Weise hervortritt.

 

 

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Audienz VOM 08.01.2020

 

Liebe Brüder und Schwestern, in unseren Katechesen über die Apostelgeschichte sprechen wir heute über die Schiffsreise des Paulus als Gefangener auf dem Weg nach Rom. Von Anfang an traf diese Reise auf widrige Umstände. In Kreta wurde die Warnung des Paulus vor einer Weiterfahrt in den Wind geschlagen. So geriet dann das Schiff in einen Seesturm und trieb tagelang auf dem Meer. Als der Tod nahe schien und Verzweiflung um sich griff, sprach Paulus als Mann des Glaubens allen Mut zu. Auch in der Bedrängnis hörte er nicht auf, sich um das Leben der anderen zu kümmern und Hoffnung zu schenken. Beim Schiffbruch vor der Insel Malta wurden alle gerettet, und dieses Unglück wurde zu einem Moment der Vorsehung. Der schiffbrüchige Paulus bekam Gelegenheit, den Menschen dort die Botschaft Jesu zu verkünden und Kranke zu heilen. Es ist dies gleichsam ein Gesetz des Evangeliums: Wenn ein Gläubiger Gottes Heil erfährt, behält er es nicht für sich, sondern schenkt es weiter. Ein Christ, der Prüfungen durchgemacht hat, kann anderen Leidtragenden besonders nahekommen und im Herzen sensibel sein für die Solidarität mit den anderen.

 

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